Livingstone
Heute ist der 23. April. Von Kasane nach Sambia geht es über die große Kazungula-Brücke. Bis vor wenigen Jahren fuhren hier noch kleine Fähren über den Sambesi. Um den enormen Lkw-Verkehr von den großen Minenfeldern im Kongo und in Sambia zu den Seehäfen in Namibia und Südafrika zu bewältigen, wurde eine große Brücke mit einem One-Stop-Grenzübergang gebaut. Wie bei den meisten Großprojekten in Afrika war auch hier eine asiatische Firma am Werk, in diesem Fall aus Südkorea. 20 Dollar Maut pro Auto decken gerade einmal die laufenden Kosten.

Dafür bin ich von Kasane aus in einer halben Stunde auf der anderen Seite. Auch die Grenzabwicklung ist, mit kleineren Verzögerungen, nach zweieinhalb Stunden erledigt.
Story behind Grenzverzögerung
Zwei Dinge passieren.
Die sambische Seite möchte die Fahrzeugausfuhr aus Namibia sehen, die ich nie bekommen habe. Botswana hat sie damals nicht eingefordert, sondern nur meine Einreise dokumentiert.
Und der sambische Zollbeamte möchte mir einen Gefallen tun. Weil ich sage, dass ich länger als vier Wochen im Land bleiben werde, gibt er mir ein Arbeitsvisum für drei Monate. Alles lieb und nett. Das bedeutet allerdings, dass ich mein Auto offiziell nach Sambia importieren und dafür Steuern bezahlen müsste.

Das Doppelproblem lösen wir im Hinterzimmer mit den Vorgesetzten. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit, keine Bestechung. Der Visumstempel wird durch einen Touristenstempel für drei Monate ersetzt – normal ist ein Monat – und meine Fahrzeugpapiere reichen am Ende für die Einreise aus.
Da die Einreisegenehmigung des Autos wiederum an das normale Touristenvisum gebunden ist, habe ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate und mein Auto eine für einen Monat.
Und weil in den modernen, neuen Grenzbüros gerade die Computer ausgefallen sind, wird das Ganze auf altem Papier dokumentiert.

Ich freue mich schon auf die nächsten Kontrollen. Wo auch immer.
Ich fahre weiter auf der Nordseite des Sambesi Richtung Livingstone. Die Straßenschilder verändern sich unmerklich. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen sind ähnlich. Der Teer ist gut, hat aber Schlaglöcher.
Was deutlich auffällt: Es gibt viel mehr Menschen. Und viel mehr Fahrräder auf den Seitenstreifen, die unmögliche Dinge transportieren. Vier Säcke Holzkohle. Zehn Wasserkanister. Dinge, bei denen ich schon mit einem Auto überlegen würde, wie ich sie festbinde.


Ich nehme mir vor, möglichst nicht nachts zu fahren.
Dann komme ich nach Livingstone.
Es gibt genügend Beschreibungen über die Alleen, die alten Herrenhäuser, die Grünanlagen und die lauschigen Gegenden am Sambesi. Spannender finde ich, was Livingstone aus seiner Umgebung gemacht hat.
Hier trifft auf engstem Raum moderner Eventtourismus mit einem der sieben Weltnaturwunder, Bungeejumping und Helikopter-Sightseeing, laut und bunt, auf traditionellen Safaritourismus in Camouflage, leise Pirschfahrten und viel Geduld. Modernes Stadtleben in Symbiose mit Dörfern aus Lehmhütten, eigenen Regeln, eigener Medizin und einem Chief, der das Ganze noch immer steuert.
Ich campe direkt am Fluss, neben dem Livingstone Waterfront Hotel. Am Horizont gegenüber des Sonnenuntergangs steht der Rauch des Wasserfalls. Ich bin ausreichend zentral, habe WLAN und kann auf der großen Veranda etwas zu essen bestellen.

Die Stadt ist voll. Die Hotels sind ausgebucht. Am Wochenende findet ein Musikfestival statt: Mosi Day of Thunder.

Die Victoria Falls, oder Mosi-oa-Tunya in der Losi-Sprache, ist hier das Wichtigste überhaupt und wahrscheinlich auch die wichtigste Marke Sambias. Die größte Brauerei des Landes hat sich den Namen gleich gesichert, und jeder trinkt hier Mosi premium Lager.
Ich kann nur jedem raten: Trinkt lieber zwei. Das erste schmeckt noch nicht.
Auf jeden Fall läuft hier jeder Zweite in einem grünen T-Shirt der Brauerei herum.
Die Suche nach einer Unterkunft für die Zeit nach Annes Ankunft wird kompliziert. Die Besucher hier sind jünger, der Tourismus ist stärker an die Bucket List angepasst. Und die Victoriafälle sind der Listenpunkt schlechthin.
Mit zunehmendem Eventtourismus wird auch die Hautfarbe weißer. Hier treffen die sich, die heute in Livingstone sind, morgen in Kapstadt und übermorgen in Arusha. Danach vielleicht Mauritius oder Sansibar. Das Sprachenwirrwarr ist hauptsächlich europäisch, dazwischen Chinesisch und Japanisch.
Von der Veranda legen die Sundowner-Boote ab. Abendessen inklusive, Musik inklusive, dazu der typische Cocktail nach Wahl.
Ich dehne meine Unterkunftssuche bis nach Simbabwe aus. Am Ende bleibe ich bei der lokal geführten Nkhosi Lodge hängen, zwanzig Minuten außerhalb von Livingstone.
Sie wird sich als Glückstreffer herausstellen.
Am nächsten Tag fahre ich zum Flughafen. Modern, klein und überschaubar. Während ich auf die Ankunft warte, besorge ich mir in der Wartehalle noch eine Sim-Karte.
Was soll ich sagen. Ich bin noch gar nicht fertig mit der Kartenübertragung, da steht Anne plötzlich in dieser kleinen Wartehalle.
Vor drei Monaten haben wir uns verabschiedet. Ich bin dann mal weg. Für mindestens ein Jahr.
Richtig verstanden hat sie das wahrscheinlich nicht. Aber zugelassen.
Es ist nicht einfach, so etwas im Vorfeld zu besprechen, wenn man an diesem Punkt völlig unterschiedlich steht. Bis vor kurzem befanden wir uns noch in einem geometrischen Gleichgewicht. Ich, sie, meine Arbeit, ihr Beruf. Alles kreiste und bewegte sich um eine gemeinsame Schnittmenge.
Dadurch, dass meine Arbeit aus dieser Zentrifuge hinauskatapultiert worden ist, hat sich einiges verschoben.
Was ich aber jetzt sehe, dort in dieser kleinen Wartehalle, ist Vertrautheit.
Und das ist gut so.
Wahrscheinlich der wichtigste Teil unserer Schnittmenge.
Vertrautheit bei der Umarmung. Vertrautheit beim Küssen. Vertrautheit beim Geruch.
Für das langsame Ankommen fahren wir zuerst dorthin, wo es Kaffee gibt. Und internationales Essen. Wir fahren zum Livingstone Waterfront, setzen uns ans Wasser und finden langsam unseren Kommunikationsrhythmus wieder. Ist ja gerade nicht meine Stärke und ich habe die letzten drei Monate fast nur Englisch gesprochen.

Die Lodge ist perfekt für uns. Ein großes Zimmer, wir sind fast die einzigen Gäste. Es gibt einen großen, rund angelegten Garten, schönen Poolbereich und ein kleines Restaurant. Hier läuft alles auf Absprache.

Anne schläft erst einmal ihren Flug aus.
Tag 1
Am nächsten Tag ist das Frühstück spät, reichlich und lecker.

Wir fahren das kurze Stück zu den Wasserfällen hinunter, parken direkt davor und sichern das Auto gegen die rabiaten Paviane. Die letzte Geschichte, die ich gehört habe: Ein Pavian hat einem Besucher mit Gewalt die Kamera entwendet, Batterie und Speicherkarte herausgenommen, die Kamera weggeworfen und anschließend genüsslich an beidem gelutscht.
Nee, ehrlich!
Den Rauch der Fälle sieht man von überall und schon von weitem, ähnlich dem Kirchturm des Freiburger Münsters. Ich bin inzwischen zum dritten Mal an den Victoriafällen, aber so viel Wasser habe ich hier noch nie gesehen.
In dem kleinen Park rund um die Fälle ist alles touristisch. Regencapes, Schutzhüllen fürs Handy, gut angelegte Wege zu den verschiedenen Aussichtspunkten.

Und alles ist feucht.
Die Besucher sind zahlreich, deutlich jünger und teilweise schon für das Festival aufgebrezelt. Alle bewegen sich durch den Sprühregen, und jeder will über die berühmte Brücke über den Abgrund.

Dort beginnt der Wasserwahnsinn.
Wasser von oben, von der Seite und von unten. Innerhalb kürzester Zeit sind alle nass. Der Wasserwahnsinn nimmt wenig Rücksicht auf das Festival-Styling der jungen Generation. Einige müssen danach sicherlich noch einmal zurück ins Hotel zum Nachschminken.


Zum Trocknen setzen wir uns auf die inzwischen bekannte Veranda am Sambesi und trinken einen Kaffee.
Es ist Nachmittag. Vor der Veranda liegt ein Sundowner-Boot. Sie versprechen, die Musik nicht zu laut zu spielen. Das Menü klingt auch gut.
Also bleiben wir im Sightseeing-Tourismusmodus.

Gin Tonic in der Hand, Abendessen an Bord und der Sambesi wird langsam orange. Es ist wahrscheinlich eines der klassischsten Afrika-Klischees überhaupt.

Und ziemlich schön.
Anschließend sind wir früh im Bett.
Tag 2
The Elephant Café
Der nächste Tag wird spektakulär, extravagant und ein weiterer Schritt in Richtung Afrika.

Wir haben Lunch im Elephant Café gebucht. Man kann sich hinfahren lassen. Oder mit dem Schnellboot über den Sambesi kommen.
Wir nehmen das Boot.
Und da geht es richtig zur Sache. Der Sambesi ist breit, aber nicht überall tief. Stromschnellen, Felsen, enge Passagen. Teilweise bleiben weniger als 30 Zentimeter Wasser unter dem Boot. Der Fahrer kennt seine Linie. Vollgas, kurz vom Gas, ein Haken, wieder Vollgas.


Das macht richtig Spaß.
Ich schaue zu Anne, eigentlich nicht so ihr Ding, hat am Ende ein breites Grinsen im Gesicht.
Dann wird der Fluss wieder ruhig. Vor uns liegt eine Holzterrasse über dem Sambesi.
The Elephant Café.

Es lebt hier eine kleine Herde geretteter Elefanten, die nicht mehr ausgewildert werden können. Wir lernen ihre Geschichten kennen, dürfen sie füttern, berühren und stehen ohne Autoscheibe zwischen uns vor diesen Giganten.


Sie hören auf 36 Befehle. Ich stehe neben einem der großen Bullen und sage: „Go back.“

Der Elefant geht drei Meter rückwärts.
Einfach so.
Tiere aus einer anderen Welt. Groß und sanft. Man möchte bleiben. Sich von ihnen zu entfernen fühlt sich fast wie ein Verlust an. Sie ziehen einen an wie ein Magnet.
Dann kommt das Essen.
Und das ist nicht einfach der luxuriöse Teil nach den Elefanten. Es ist ein Erlebnis für sich.

African Fusion Food auf höchstem Niveau. Möhren-Ingwer-Suppe mit Musika-Sirup. Rinderfilet mit karamellisiertem Knoblauch, Rotwein und Thymianöl, dazu Mongu-Reis und Nzenzwe mit Pfefferblättern. Zum Dessert Granadilla-Eis auf einem Florentiner aus Mungongo-Nüssen.


Fast alles kommt aus der Umgebung, von kleinen Farmen, Märkten und Dörfern. Afrikanische Zutaten, moderne Küche, perfekt angerichtet. Und exzellent.
Wir sitzen auf der Terrasse über dem Sambesi, trinken Wein von KWV und lassen uns einen Gang nach dem anderen bringen. High End mitten im Busch.
Billig ist dieser Tag natürlich nicht.
Schnellboot, Elefanten, Fine Dining, Wein. Man kann auch in Sambia an einem einzigen Tag ziemlich viel Geld loswerden.
Die nächsten Tage gehen wir campen.
Das gleicht die Bilanz wieder etwas aus.
Tag 3
Heute schwimmen wir langsam in das andere Afrika.
Nach dem Frühstück fahren wir noch einmal zum Einkaufen nach Livingstone. Es gibt Supermärkte und fast alles, was wir brauchen. Nicht mehr jede Marke aus Südafrika, aber für die Ausstattung des Campers völlig ausreichend. Das Fehlende wird aufgefüllt. Und weil wir jetzt zu zweit sind, etwas mehr von allem.
Dann lösen wir uns aus dem Betrieb und fahren in den Mosi-oa-Tunya-Nationalpark am Nordufer des Sambesi.
Afrika ist hier überall. Man muss es sehen und damit leben.
Gestern Abend hat mir die Managerin der Lodge von der neuesten lokalen Tragödie erzählt. Ein Paar war abends von einer Kneipe zu Fuß zurück ins Dorf unterwegs und geriet in eine Elefantenfamilie. Der Mann wurde getötet. Sie sagt, so etwas passiere hier alle zwei, drei Monate.
In den News erscheint es nicht.
Wahrscheinlich wie bei uns, wenn sich wieder jemand vor einen Zug wirft.
Mit diesen Gedanken fahren wir in den Park. Schon ein paar hundert Meter weiter stehen die ersten Dickhäuter mit ihren Babys.


Alles ist friedlich und harmonisch.
Wir halten Abstand und haben Zeit. Wir beobachten, wie die Kleinen angeleitet und gleichzeitig beschützt werden, in welcher Reihenfolge die Familie den Weg überquert und wie die Leitkuh den Weg zum Wasser bestimmt.
Ein wunderbares Bild. Schwer auf Fotos festzuhalten.
Überhaupt ist dieser schmale Streifen am Sambesi voll mit Leben. Impalas, Kudus, Zebras, Giraffen, Büffel, Warzenschweine. Vervet-Affen suchen im Elefantendung nach dem, was noch nahrhaft ist. Dazwischen Gefieder, überall.



Ein wunderbarer Einstieg in das, was noch kommen wird.
Am Ende des Parks gibt es einen Rastplatz direkt am Sambesi. Wir holen unser Lunch aus dem Auto und bleiben eine Weile am Wasser.

Danach tauchen wir noch etwas tiefer ein.
Der Park hat es etwas Besonderes.
White Rhinos.
Wir lassen uns ihre Geschichte erzählen und ungefähr erklären, wo sie sich gerade aufhalten. In ganz Sambia gibt es nur noch etwa 68 Nashörner. In den Achtzigerjahren sollen es einmal rund 10.000 gewesen sein. Elf leben hier.
Es ist inzwischen meine dritte Begegnung mit Nashörnern auf dieser Reise. Namibia, Botswana und jetzt Sambia. Drei Länder, drei Begegnungen und immer wieder dieselbe Geschichte: Ohne Schutz wären sie wahrscheinlich nicht mehr da.
Schutz bedeutet Bewachung und Tourismus, 24/7 werden die Tiere von Rangern bewacht. Paradoxerweise ist der Tourismus ihr bester Schutz gegen Wilderei.
Wir lassen das Auto stehen und gehen mit den Rangern zu Fuß auf die Suche.
Und werden fündig.

Nach den Elefanten gestern ist die Nähe heute eine andere. Kein Füttern, kein Anfassen, keine 36 Befehle. Das hier ist ein wildes Tier.

Ein dauernd nervöses Ungetüm aus einer anderen Welt.
Wir bleiben stehen und beobachten.
Morgen fahren wir in den Kafue-Nationalpark.
Wir sind bereit.



Schreibe einen Kommentar