Serowe, die Königsstadt
Ich setze mit der Fähre über den Boteti. Danach geht es weiter nach Serowe, der ehemaligen Hauptstadt Botswanas.

Wer sich mit der Geschichte Botswanas beschäftigen möchte, dem empfehle ich als Einstieg den Hollywood Film „A United Kingdom“. Er erzählt die wahre Geschichte von Seretse Khama, dem späteren ersten Präsidenten Botswanas, und seiner Frau Ruth Williams. Ein schwarzer afrikanischer König verliebt sich in den 1940er Jahren während seines Jura Studiums in London in eine weiße Engländerin. Die Apartheidregierung in Südafrika und die britische Regierung sind massiv gegen die Beziehung. Dass die beiden trotz aller Repressalien zusammenbleiben, stabilisiert die Geschichte Botswanas bis heute.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf besuche ich das Museum in Serowe, das ehemalige Wohnhaus der königlichen Familie. Ich bin an diesem Tag der einzige Besucher und habe das große Glück, einen Führer ganz für mich allein zu haben. Dadurch wird aus einem Museumsbesuch eher ein Gespräch über die Entstehung eines Landes.
Wir fahren hinauf zu den Königsgräbern. Schon der Weg dorthin ist besonders. Die Landschaft wirkt weit, ruhig und zeitlos. Oben angekommen stehen wir vor der Grabstätte von Seretse Khama und seiner Frau Ruth. Die beiden liegen Seite an Seite auf einem Felsen über Serowe begraben.


Die Stelle selbst darf nicht betreten werden, Fotos sind nicht erlaubt. Der Ort besitzt eine Würde und Ruhe und ich verstehe, warum dieser Platz für viele Menschen in Botswana eine so große Bedeutung hat.

Es ist kein monumentales Grab, kein prunkvolles Denkmal. Es sind die Geschichte dahinter und die Lage auf diesem Hügel. Ein afrikanischer König und eine englische Frau, die auf immer gegen Vorurteile ankämpfen.
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Khama Rhino Sanctuary
Wie finde ich jetzt wieder den Einstieg in die Wildnis? Von hier aus geht es weiter nach Norden. Davor bleibe ich noch eine Nacht auf dem Campground des Khama Rhino Sanctuary.
Das südliche Afrika kennt einige unrühmliche Kapitel, über die man nicht gerne spricht. Sklavenhandel, Kolonialzeit, der Wahnsinn des Elfenbeinhandels und zuletzt das Abschlachten der Rhinos für ihr Horn. Medizinischer Aberglaube.

Im Schutzgebiet leben etwa 30 bis 40 Nashörner. Sie finden hier einen sicheren Rückzugsort. Das Sanctuary grenzt direkt an eine Militärbasis, die einen zusätzlichen Schutz nach außen bietet. Ohne solche Maßnahmen haben Nashörner in vielen Teilen Afrikas kaum noch eine Zukunft.
Die Landschaft wird von den Monkogwa-Bäumen geprägt. Mit ihren breiten, schirmartigen Kronen stehen sie verstreut in der Ebene und spenden Schatten in der trockenen Hitze, alt und knorrig. Markante Silhouetten in der Landschaft.
Es ist ein kleiner Mikrokosmos.
Ich entdecke Zebras, Kudus und einige Giraffen, die zwischen den Monkogwa-Bäumen ziehen. Alles sehr unaufgeregt.

Dann sehe ich die ersten Nashörner. Groß und mächtig. Manche grasen, andere ruhen im Schatten. Aus der Nähe wirken sie noch beeindruckender. Jede Bewegung erscheint langsam und überlegt.

Mit der sinkenden Sonne verändern sich die Farben. Das Gras leuchtet golden, die Schatten werden länger und die Landschaft wirkt noch weiter als zuvor. Mein Lager ist versteckt unter den Monkongwa-Bäumen. Ein Lagerfeuer wärmt mich auf angenehme Weise, die Glut hat meinen Potjie erwärmt. Es ist viel Musik in der Luft und ein sternenklarer Himmel darüber.

Ein kleines Ökosystems, das hier einen geschützten Platz gefunden hat.
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Salz
Mitten in der Nacht werde ich wach. Irgendetwas schlägt gegen das Auto.
Elefanten gibt es hier nicht. Vielleicht ein Nashorn? Ich dämmere weiter. Dann wieder ein dumpfer Schlag. Erst hinter dem Auto, dann an der Seite.
Vorsichtig öffne ich den Reißverschluss meines Dachzelts. Etwas Großes rennt davon. Kurz darauf kommt es zurück und beginnt, das Auto zu umrunden. Langsam werde ich neugierig.
Ich warte, bis das Rumpeln erneut beginnt. Dann leuchte ich blitzartig nach draußen. Vor mir steht ein riesiger Kudubock. Genauer gesagt: Er hämmert mit Begeisterung gegen meinen Radkasten.
Das Licht verscheucht ihn. Ich lege mich wieder hin und versuche einzuschlafen. Wenige Minuten später geht alles von vorne los. Mal hinten, mal vorne, mal an der Seite. Irgendwann ist es mir egal und ich schlafe ein.
Am nächsten Morgen steige ich etwas besorgt aus und inspiziere das Auto. Überraschenderweise finde ich keine neuen Schäden. Dafür sind die Stoßstangen blitzblank geleckt. Der steinharte Dreck der letzten Wasserdurchfahrten ist restlos verschwunden.
Offenbar hatte es der Kudu auf die Salzreste abgesehen.
Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mehr davon mitgebracht.

In der zweiten Nacht wird mir die Sache endgültig klar. Diesmal schickt der Bulle seine Herde vorbei. Fünf Kudukühe verbringen einen guten Teil der Nacht damit, mein Auto gründlich zu bearbeiten. Den Reinigungsdienst kann ich mir sparen.
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Elephant Sands lodge
Dieses kleine Paradies nicht weit vom Highway ist mein nächste Übernachtung auf dem Weg nach Norden.
Ich campe direkt neben dem Restaurant- und Barbereich. Vor mir liegt die Wasserstelle, das Zentrum der Lodge. Den ganzen Tag über herrscht hier Betrieb. Die Elefanten kommen in kleinen Gruppen zum Trinken, ziehen wieder weiter und machen Platz für die Pferde der Lodge, die sich das Wasserloch mit ihnen teilen.

Oft stehen die Tiere nur wenige Meter entfernt. Es gibt keine Zäune, keine künstliche Kulisse. Ich sitze an der Bar oder vor meinem Zelt, trinkt einen Kaffee oder ein Bier und beobachte das Treiben.
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Horse Riding
In Elephant Sands wird ein Großteil der Rangerarbeit vom Pferderücken aus erledigt. Weniger Technik, mehr Natur. Man arbeitet nicht nur in der Landschaft, sondern mit ihr.
Am Abend überrede ich Ronny beim Bier, mich am nächsten Morgen mitzunehmen.

Wir treffen uns um sieben Uhr. Lange Hose, warme Jacke. Die Nächte sind inzwischen empfindlich kalt geworden. Man merkt deutlich, dass die Jahreszeit kippt.
Über der Steppe liegt eine wunderbare Lichtstimmung. Die Sonne ist noch nicht stark genug, um die Kälte zu vertreiben, taucht die Landschaft aber bereits in warme Farben.
Für mich als eher amateurhaften Reiter hat Ronny ein gutmütiges Pferd ausgesucht. Ein schwarzer Wallach, ruhig und zuverlässig. Er trägt mich sicher durch Büsche, Senken und über die sandigen Pfade.

Wir kommen an Wasserlöchern vorbei, die dank der Regenzeit noch gut gefüllt sind.
Dann sehen wir die ersten Gerippe von Elefanten.
Ronny erzählt, dass einige dieser Tiere während der Trockenzeiten der letzten Jahre gestorben sind. Wenn das Wasser knapp wird, entscheidet oft die Stärke. Schwächere Tiere werden von den Wasserlöchern verdrängt. Sie ziehen durch die Steppe auf der Suche nach den letzten Wasserstellen.
Nicht alle finden sie.
That is nature.
Auch bei Elefanten.
Die ersten lebenden Elefanten treffen wir aus dem Wind kommend. Sofort werden sie unruhig. Elefanten sehen überraschend schlecht und können uns zunächst nicht richtig einordnen.
Wir umreiten sie und nähern uns gegen den Wind. Sofort entspannt sich die Situation.

Eine Zeit lang folgen wir ihnen in respektvollem Abstand.
Vom Pferderücken wirkt alles anders. Ruhiger. Direkter.
Bevor die Sonne Kraft gewinnt und die Hitze zurückkehrt, reiten wir wieder ins Camp.
Meine Einstellung zu Pferden?
Das Gesamtpaket stimmt.
Vom Pferderücken hat man einen völlig anderen Zugang zur Umgebung. Gleichzeitig fühlt es sich an wie ein Bush Walk. Man ist mitten in der Natur, bewegt sich aber leise und selbstverständlich durch sie.
Besonders beeindruckt mich die Gelassenheit der Pferde. Sie gehen ohne Zögern hinaus in die Wildnis. Dorthin, wo Elefanten, Löwen und Büffel leben. Nicht furchtlos, aber selbstverständlich.
Gleichzeitig reagieren sie auf jede kleine Hilfestellung. Sie erkennen Bodenlöcher, unwegsame Stellen oder Situationen oft früher als ihr Reiter.
Meine Sicht auf Pferde verändert sich an diesem Morgen ein wenig.
Mitten im Busch Botswanas, haben Pferde eine neue Aufgabe gefunden. Keine Sportgeräte, keine Freizeitbeschäftigung. Sondern Partner. Interessant.
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Kein Regen mehr im Norden
Am folgenden Tag geht die Reise weiter nach Norden, nach Kasane am Ufer des Chobe. Hier verläuft die Trans-Africa-Route, und von hier aus möchte ich über die neue Kazungula-Brücke nach Sambia weiterfahren.
Kasane ist für mich auch die letzte Station von Bushlore. 10.000-Kilometer-Inspektion. Kleinigkeiten werden repariert, die Vorderreifen mit den Hinterreifen getauscht und die durch Flugsand blind gewordene Frontscheibe ersetzt.

Dazu kommt das übliche Programm: Diesel tanken, den Wassertank auffüllen.
Nach den vergangenen Wochen wirkt die Inspektion fast wie ein Boxenstopp. Nicht nur das Auto hat viele Kilometer hinter sich, sondern auch ich. Espresso!

Geplant habe ich hier fünf Tage. In sieben Tagen wird Anne in Livingstone landen.
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Nicht gegen Luxus sondern für Freiheit
Aus sieben Tagen werden 14 Tage. Anne hat sich kurz vor ihrer Abreise eine Grippe eingefangen. Ihr Flug verschiebt sich um eine Woche. Das gibt mir Zeit bis zur Einreise nach Sambia.
Ich spiele mit dem Gedanken, einen Fotokurs im Pangolin Hotel zu buchen. Wahrscheinlich der spektakulärste Safari-Fotokurs auf dem Planeten. Aber verdammt teuer. Eine Woche kostet rund 6.000 Euro. Dazu feste Termine. Also lasse ich es. Mein Fotolehrer heißt momentan ChatGPT. Und ich bilde mir ein, von Tag zu Tag Fortschritte zu machen.
Es gibt einen Grund, warum das Pangolin Hotel ausgerechnet in Kasane steht. Von hier aus geht es am Chobe nach Westen. Massen-Tiersichtungen sind an der Tagesordnung. Im Umkreis von 300 Kilometern sind bestimmt 1.000 Safariunternehmen unterwegs. Morning Drive, Night Drive, Boot-Safari. Um fünf Uhr klopft der Guide an die Tür des 1.000-Euro-Chalets. Am Abend bringt er seine Gäste nach dem Dinner zurück. Nachts darf niemand sein Chalet verlassen. Nach drei Tagen fliegt man ins nächste Luxuscamp. Anderer Ort, anderes Land.
Ich fahre die gleichen Strecken. Nur langsamer. Ich bleibe dort, wo es mir gefällt, übernachte im Auto direkt am Fluss und entzünde wie immer mein eigenes Feuer.

Eine Nacht verbringe ich dann doch in einer dieser Lodges – dem Chobe Elephant Camp. Heiko vom Boteti hat mich eingeladen. So bekomme ich einen Blick hinter die Kulissen. Ich sehe die Photovoltaikanlage, die Wassergewinnung und -aufbereitung sowie das kleine Angestelltendorf. Ein erstaunlicher Aufwand für gerade einmal 15 Gäste. So versteht Botswana seinen Tourismus: High Price – Low Impact. Gut für das Land, schlecht für den Otto Normalverbraucher.




Ich fahre so weit nach Westen, bis die Straßen nicht mehr weiterführen und die Wasserlöcher zu tief werden. Ab Savuti ist Dead-End. Eigentlich ein wunderschöner Park mit, vielen Tieren, markanten Felszügen und uralten Felszeichnungen. Wäre da nicht der Rückweg. 140 Kilometer „bumpy deepsand“ machen einfach niemandem Spaß. Am Ende bin ich froh, dass es jetzt nach Sambia geht.


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Randgeschichten
Botswana besteht nicht nur aus Pirschfahrten, Lagerfeuern und spektakulären Tierbeobachtungen. Dazwischen liegen unzählige kleine Begegnungen. Geschichten, die leicht untergehen und trotzdem dazugehören.
Da ist die Schweizer Familie, mit der ich mir in Savuti eine Campsite teile. Abends spielen wir bis tief in die Nacht völlig alberne Kinderspiele und lachen Tränen.

Da ist der Koch der Thobolos Lodge. Seit sechs Jahren steht der Pizzaofen unbenutzt herum. Gemeinsam bringen wir ihn wieder zum Leben. Die erste Pizza schmeckt hervorragend.

Da ist Stephen, der mit dem Fahrrad von Kapstadt bis hierher gefahren ist. Tausende Kilometer gegen Wind, Hitze und Einsamkeit.


Und da sind die modernen Cowboys Botswanas. Sie treiben ihre Rinder noch immer zu Pferd durch das Buschland. Kein romantisches Schauspiel, sondern harte Arbeit. So wie seit Generationen.


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