Lower Zambezi
Wir hetzen uns nicht. Erst kommt die eklige Strecke bis Chipata. Dann aber die gute Teerstraße bis zur Luangwa Bridge. Sechs Stunden Fahrzeit, gut verteilt.
Inzwischen wissen wir, dass es dort das Bridge Camp gibt. Gutes Restaurant, abseits der Straße, versteckt über dem Fluss. Und dort treffen wir ein deutsches Pärchen wieder, das wir schon am Itezhi-Tezhi kennengelernt haben.

Damals ging unser Gespräch hauptsächlich darum, wie sie ihr Fahrzeug nach Afrika gebracht haben. Sie haben sich eines dieser Explorer-Fahrzeuge bauen lassen, aus denen man eigentlich nicht mehr aussteigen muss, wenn man nicht möchte. Leider zu hoch für den Container. Also mussten für die Verschiffung die Reifen runter. Und und und.
Jetzt kommen sie aus dem Lower Zambezi und berichten, dass sie im östlichen Teil kaum durch die Büsche gekommen sind. Damit ist die Entscheidung gefallen. Wir bleiben im Westen, auch wenn mein Auto deutlich schmaler ist. Zugewachsene Parks hatte ich inzwischen genug.
Dafür freuen sie sich über unsere Tipps für den South Luangwa. Dann trennen wir uns wieder. In entgegengesetzte Richtungen.

Die nächste Strecke ist schnell erzählt. Zurück bis ungefähr auf halbe Strecke nach Lusaka. Durch Lusaka hindurch, diesmal über den Außenring, weiter Richtung Livingstone. Nach dem ersten Drittel links ab nach Chirundu.
Chirundu ist der wichtigste Grenzübergang von Sambia nach Simbabwe. Entsprechend viel ist auf der Straße los. Vor allem am Ende fällt sie in wilden Kehren zum Sambesi hinunter. Eine LKW-Leiche nach der anderen. Manche stehen am Straßenrand, andere halb daneben. Sehr abenteuerlich.

Chirundu selbst ist klein und schnell durchquert. Danach wieder Sand und Schotter. Nach einer halben Stunde biegen wir zum Fluss ab und suchen die Breezes River Lodge auf. Diesmal ein Tipp von iOverlander. Schnell zu erreichen und gut.
Insgeheim hoffe ich auf einen Tipp für eine Bootstour. Vielleicht sogar Kanu?
Mit Anne hatte ich vor gefühlt 30 Jahren eine fantastische Kanutour auf dem Sambesi gemacht. Das wäre schon was.
Was soll ich sagen.
Anthony war damals der Manager, der uns die Tour in Simbabwe verkauft hatte.
Inzwischen hat er sich in Sambia niedergelassen, die Lodge am Fluss gepachtet und hier sein eigenes Business aufgebaut: River Horses, Kanutouren auf dem Sambesi. Wie viele andere war er durch die politischen Wirren in Simbabwe irgendwann auf die andere Seite des Flusses gekommen.
Und Biggy, unser damals fantastischer junger Guide? Den gibt es auch noch. Er leitet heute eine dieser furchtbar teuren Lodges mitten im Park.
Welche Zufälle.
Eine mehrtägige Kanutour auf dem Sambesi schüttelt man allerdings nicht einfach aus dem Ärmel. Sie braucht Planung und etwas Vorlauf. Geschlafen wird auf Sandbänken im Fluss. Ungefilterte Wildnis. Höchste Gefahrenstufe.

Ant verspricht, etwas für uns zusammenzustellen. Er braucht ein paar Tage. Vielleicht können wir uns einem Hochzeitspärchen anschließen, das in drei Tagen losfährt.
Es hat sicherlich auch mit unserer gemeinsamen Vergangenheit zu tun. Und da ist diese Flexibilität. Man hat eine Idee, spricht darüber, telefoniert ein bisschen – und es entsteht etwas.
Das werde ich zu Hause vermissen.
Also brechen wir erst einmal für drei Tage mit dem Auto in den Lower Zambezi auf. Wir campen außerhalb und fahren jeden Morgen hinein.
Schon auf der halbstündigen Fahrt zum Parkeingang muss man höllisch aufpassen. Elefanten queren die Straße von links nach rechts und von rechts nach links. Die einen zum Wasser, die anderen wieder weg. Tiere brauchen Wasser. Von beidem gibt es hier reichlich.

Die Wege sind inzwischen meist trocken. Direkt am Fluss muss man noch gehörig aufpassen. Immer wieder liegen schwarze Schlammflächen mit tiefen Furchen vor uns.
Gut, dass wir der Natur noch eine Woche Zeit gegeben haben und nicht gleich hierher gefahren sind.
Die Landschaft ist unglaublich, kaum Eingriff durch die Parkbehörde. Bevor es in den Park geht, müssen wir erst mal ein Nebenfluss durchqueren, heute von einem Krokodil bewacht. Nicht mit mir, es trollt sich. Große Grasebenen mit Büffelherden, die sich im hohen Gras unter den Bäumen zu verstecken versuchen. Moorige Flächen, in denen Elefanten bis zu den Knien im Wasser stehen. Überall blüht es in unterschiedlichen Farben. Gepinkelt wird dort, wo sich die meisten Affen tummeln. Den Mittag Snack essen wir unter einem Mopane Baum vor einem großen Tümpel, in dem sich die Elefanten durch den Matsch nur schwerfällig bewegen können.



Je weiter wir nach Osten kommen, desto weniger entsprechen die Wege dem, was auf der Karte eingezeichnet ist. Also fahre ich irgendwann mehr nach Kompass.
Funktioniert auch.

Und selbst im Camp immer wieder diese verblüffenden Begegnungen mit Elefanten. Sie laufen völlig lautlos hinter dem Auto vorbei. Würde ich nicht gerade nach den Löwenspuren schauen, die von der Nacht übrig geblieben sind, hätte ich sie gar nicht bemerkt.
Inzwischen kommt die Nachricht von Ant. Das andere Pärchen möchte alleine fahren.
Kein Problem.
Er hat für uns CB, einen freelancer River Guide, organisiert und einen zweiten Guide in Ausbildung.
Wunderbar.
Wir fahren mit drei Kanus. Anne und ich zusammen in einem. Vorher bekommen wir eine professionelle Einweisung. Vieles kennen wir noch.


Drei Tage, zwei Nächte. Genug Zeit, um bis in die Mana Pools zu fahren und am letzten Nachmittag mit dem Schnellboot zurückzukommen.
Passt perfekt in unseren Zeitplan.
Wie viel Wasser in den kleinen Kanälen steht, hängt auch davon ab, wie viel am Kariba-Staudamm abgelassen wird. Manchmal reicht es nicht. Dann steigen wir aus und schieben die Kanus.

Kroks hin oder her.

Dafür sieht man im flachen Wasser die Hippos besser.
River Horses sind übrigens Flusspferde. Krokodile heißen hier Flat Dogs.
Finde ich sehr sympathisch, beides Schnappmäuler.
Die Hippos leben in Familienverbänden, oft dicht an dicht. Liegen sie am Ufer und wir kommen näher, flüchten sie sofort ins Wasser und tauchen erst einmal ab. Meist verschwinden alle. Ein oder zwei bleiben auf Teleskophöhe. Augen, Ohren, Nase.

Sind wir vorbei, taucht der Rest wieder auf.
Dann rufen sie hinter uns her.
Und irgendwo weiter flussabwärts antwortet das nächste Rudel.
Es klingt fast abgesprochen: Passt auf, da kommen die Touristen.
Für uns ganz praktisch. So wissen wir, wo die nächste Gruppe steht.
Der Ruf der River Horses ist einzigartig. Ein Wiehern in Slowmotion, irgendwo auf der Schwingungsebene von „Ommm“.
Er begleitet uns überall auf dem Fluss.
Ommm.
An manchen Stellen müssen wir den großen Sambesi queren, um in den nächsten Seitenkanal zu kommen. Das kann ein hartes Stück Arbeit sein. Mittags kommt Wind auf und wirft Wellen über den Fluss.


Anne und ich sind inzwischen ein eingespieltes Team. Die Kommandos sitzen meistens.
Vor allem in den kleinen Kanälen ist das wichtig. Oft lassen wir uns einfach durch diese Wasserwege treiben. Rechts und links Schilf und Grasflächen.
Und manchmal ein Hippo-Bulle.

Einige dieser Einzelgänger sind bekannt und gefürchtet. CB macht sich groß, schlägt mit dem Paddel aufs Wasser. Der Bulle läuft an Land.
Dann können wir vorbei.
Die Uferböschung ist nie besonders hoch. Überall Vögel. Vom kleinsten bunten Vogel bis zu Adlern und Kormoranen. Immer wieder kommen Antilopen zum Trinken. Wir sehen Büffel und Wasserböcke.

Und dann die Elefanten.
Einzeln. In Gruppen. Im Hinterland zwischen den Bäumen. Sie queren vor uns den Fluss oder stehen im Familienverband am Ufer, die Rüssel im Wasser. Trinken. Sich bespritzen.

Wir legen unsere Kanus zu einem kleinen Floß zusammen und treiben nur wenige Meter an diesen gewaltigen Tieren vorbei.
Dann paddeln wir wieder zurück.

Nur um diesen Film noch einmal zu sehen.
https://youtu.be/SxFPNSuexzM?si=fF3L9ihh8calt4dV

Und wieder ist da diese Anziehungskraft dieser Tiere aus einer anderen Welt.


Abends schlagen wir unser Lager auf den Sandbänken der Inseln auf. Die Zelte sind schnell aufgestellt. CB kümmert sich um das Feuer und das Essen. Am zweiten Tag dürfen wir endlich beim Gemüseschneiden helfen.

Es gibt immer genug zu essen. Und es ist immer gut.

Breakfast. Lunch. Dinner.


Mittags liegen wir im Schatten der Akazien, beobachten das Treiben auf dem Fluss oder dösen.

Ich bin ziemlich froh über meine Ausrüstung. In diesem Fall vor allem über zwei dünne Kapuzenpullover. Sie schützen hervorragend vor der Sonne. Lange Hosen.
Vor 30 Jahren hatte ich nach der Kanutour einen ziemlichen Sonnenbrand auf den Schienbeinen.
Was man sich nicht alles merkt.
Die Abende am Lagerfeuer sind intensiv. Jeden Abend dieser spektakuläre Sonnenuntergang. Die Temperatur bleibt lau. Bei der Proviantplanung haben wir bewusst auf Alkohol verzichtet. Es gibt Wasser und manchmal etwas Sirup für den Zuckerhaushalt.

CB ist ein sehr ehrlicher und intelligenter Gesprächspartner.

Wir reden lange, auch über Corona. Für ihn und viele andere im Tourismus bedeutete die Pandemie einen drastischen Einbruch. Eigentlich waren sie zwei Jahre ohne Arbeit. Und selbst jetzt, fünf Jahre später, ist es noch nicht wieder wie vorher.
Er erzählt, wie er in dieser Zeit angefangen hat, die Landwirtschaft seiner Eltern auszubauen. Seine Frau ist Krankenschwester und hat damals das Einkommen der Familie gesichert. Wir reden von 400 € brutto.
Sie haben Zwillingstöchter. Für beide gleichzeitig war kein Geld da. Eine konnte auf die Schwesternschule gehen. Die andere begann deshalb eine Lehrerausbildung.
CB erzählt das ohne Klage.
In allem findet sich etwas Positives. Und immer geht der Blick nach vorne.
Nach drei Tagen flussabwärts erreichen wir unser letztes Camp. Gefühlt haben wir einen Monat auf dem Sambesi verbracht.


Dann werden die Kanus professionell verladen und wir sind wieder im Tourismusmodus.
Wir setzen uns ins Schnellboot und rauschen die drei Tage in zwei Stunden zurück.

Ich lege mich vorne hin und döse.
Anne erzählt mir später von all den Hippos und Elefanten am Ufer, die ich dabei verpasst habe.

Seelisch vollgetankt landen wir wieder an der Breezes River Lodge.
Wir erzählen Ant von unseren Erlebnissen und von seinen großartigen Guides. Zeige ihm etwas Rohmaterial meiner Bilder. Er ist ziemlich beeindruckt von den Fotos und freut sich mit uns über die Tour.
Am nächsten Morgen wollen wir nach Livingstone aufbrechen.
Vorher kommt Ant noch einmal zu mir.
Er hat herausgehört, dass ich später wieder nach Osten muss, Richtung Malawi. Und er hat eine Idee.
Ob ich nicht noch einmal zurückkommen möchte.
Mit ihm auf eine Fotosafari auf dem Sambesi.
Seine Webseite könnte dringend ein bisschen aufgepeppt werden. Nichts Großes, sagt er. Schnellboot nehmen, Kanus drauf, ein paar River Guides mitnehmen. An den schönsten Sandbänken halten. Fotos aus dem Kanu, aus dem Schnellboot und von den Sandbänken. Ich mit meiner Kamera, er mit seiner Drohne.
Ich lache.
Verspreche nichts.
Keine festen Termine.
Aber eigentlich hat er mich schon gepackt.
Also auf, erst einmal nach Livingstone.

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