Autor: admin_af

  • 11  – Lower Zambesi

    11 – Lower Zambesi

    Lower Zambezi

    Wir hetzen uns nicht. Erst kommt die eklige Strecke bis Chipata. Dann aber die gute Teerstraße bis zur Luangwa Bridge. Sechs Stunden Fahrzeit, gut verteilt.

    Inzwischen wissen wir, dass es dort das Bridge Camp gibt. Gutes Restaurant, abseits der Straße, versteckt über dem Fluss. Und dort treffen wir ein deutsches Pärchen wieder, das wir schon am Itezhi-Tezhi kennengelernt haben.

    Damals ging unser Gespräch hauptsächlich darum, wie sie ihr Fahrzeug nach Afrika gebracht haben. Sie haben sich eines dieser Explorer-Fahrzeuge bauen lassen, aus denen man eigentlich nicht mehr aussteigen muss, wenn man nicht möchte. Leider zu hoch für den Container. Also mussten für die Verschiffung die Reifen runter. Und und und.

    Jetzt kommen sie aus dem Lower Zambezi und berichten, dass sie im östlichen Teil kaum durch die Büsche gekommen sind. Damit ist die Entscheidung gefallen. Wir bleiben im Westen, auch wenn mein Auto deutlich schmaler ist. Zugewachsene Parks hatte ich inzwischen genug.

    Dafür freuen sie sich über unsere Tipps für den South Luangwa. Dann trennen wir uns wieder. In entgegengesetzte Richtungen.

    Die nächste Strecke ist schnell erzählt. Zurück bis ungefähr auf halbe Strecke nach Lusaka. Durch Lusaka hindurch, diesmal über den Außenring, weiter Richtung Livingstone. Nach dem ersten Drittel links ab nach Chirundu.

    Chirundu ist der wichtigste Grenzübergang von Sambia nach Simbabwe. Entsprechend viel ist auf der Straße los. Vor allem am Ende fällt sie in wilden Kehren zum Sambesi hinunter. Eine LKW-Leiche nach der anderen. Manche stehen am Straßenrand, andere halb daneben. Sehr abenteuerlich.

    Chirundu selbst ist klein und schnell durchquert. Danach wieder Sand und Schotter. Nach einer halben Stunde biegen wir zum Fluss ab und suchen die Breezes River Lodge auf. Diesmal ein Tipp von iOverlander. Schnell zu erreichen und gut.

    Insgeheim hoffe ich auf einen Tipp für eine Bootstour. Vielleicht sogar Kanu?

    Mit Anne hatte ich vor gefühlt 30 Jahren eine fantastische Kanutour auf dem Sambesi gemacht. Das wäre schon was.

    Was soll ich sagen.

    Anthony war damals der Manager, der uns die Tour in Simbabwe verkauft hatte.

    Inzwischen hat er sich in Sambia niedergelassen, die Lodge am Fluss gepachtet und hier sein eigenes Business aufgebaut: River Horses, Kanutouren auf dem Sambesi. Wie viele andere war er durch die politischen Wirren in Simbabwe irgendwann auf die andere Seite des Flusses gekommen.

    Und Biggy, unser damals fantastischer junger Guide? Den gibt es auch noch. Er leitet heute eine dieser furchtbar teuren Lodges mitten im Park.

    Welche Zufälle.

    Eine mehrtägige Kanutour auf dem Sambesi schüttelt man allerdings nicht einfach aus dem Ärmel. Sie braucht Planung und etwas Vorlauf. Geschlafen wird auf Sandbänken im Fluss. Ungefilterte Wildnis. Höchste Gefahrenstufe.

    Ant verspricht, etwas für uns zusammenzustellen. Er braucht ein paar Tage. Vielleicht können wir uns einem Hochzeitspärchen anschließen, das in drei Tagen losfährt.

    Es hat sicherlich auch mit unserer gemeinsamen Vergangenheit zu tun. Und da ist diese Flexibilität. Man hat eine Idee, spricht darüber, telefoniert ein bisschen – und es entsteht etwas.

    Das werde ich zu Hause vermissen.

    Also brechen wir erst einmal für drei Tage mit dem Auto in den Lower Zambezi auf. Wir campen außerhalb und fahren jeden Morgen hinein.

    Schon auf der halbstündigen Fahrt zum Parkeingang muss man höllisch aufpassen. Elefanten queren die Straße von links nach rechts und von rechts nach links. Die einen zum Wasser, die anderen wieder weg. Tiere brauchen Wasser. Von beidem gibt es hier reichlich.

    Die Wege sind inzwischen meist trocken. Direkt am Fluss muss man noch gehörig aufpassen. Immer wieder liegen schwarze Schlammflächen mit tiefen Furchen vor uns.

    Gut, dass wir der Natur noch eine Woche Zeit gegeben haben und nicht gleich hierher gefahren sind.

    Die Landschaft ist unglaublich, kaum Eingriff durch die Parkbehörde. Bevor es in den Park geht, müssen wir erst mal ein Nebenfluss durchqueren, heute von einem Krokodil bewacht. Nicht mit mir, es trollt sich. Große Grasebenen mit Büffelherden, die sich im hohen Gras unter den Bäumen zu verstecken versuchen. Moorige Flächen, in denen Elefanten bis zu den Knien im Wasser stehen. Überall blüht es in unterschiedlichen Farben. Gepinkelt wird dort, wo sich die meisten Affen tummeln.  Den Mittag Snack essen wir unter einem Mopane Baum vor einem großen Tümpel, in dem sich die Elefanten durch den Matsch nur schwerfällig bewegen können.

    Je weiter wir nach Osten kommen, desto weniger entsprechen die Wege dem, was auf der Karte eingezeichnet ist. Also fahre ich irgendwann mehr nach Kompass.

    Funktioniert auch.

    Und selbst im Camp immer wieder diese verblüffenden Begegnungen mit Elefanten. Sie laufen völlig lautlos hinter dem Auto vorbei. Würde ich nicht gerade nach den Löwenspuren schauen, die von der Nacht übrig geblieben sind, hätte ich sie gar nicht bemerkt.

    Inzwischen kommt die Nachricht von Ant. Das andere Pärchen möchte alleine fahren.

    Kein Problem.

    Er hat für uns CB, einen freelancer River Guide, organisiert und einen zweiten Guide in Ausbildung.

    Wunderbar.

    Wir fahren mit drei Kanus. Anne und ich zusammen in einem. Vorher bekommen wir eine professionelle Einweisung. Vieles kennen wir noch.

    Drei Tage,  zwei Nächte. Genug Zeit, um bis in die Mana Pools zu fahren und am letzten Nachmittag mit dem Schnellboot zurückzukommen.

    Passt perfekt in unseren Zeitplan.

    Wie viel Wasser in den kleinen Kanälen steht, hängt auch davon ab, wie viel am Kariba-Staudamm abgelassen wird. Manchmal reicht es nicht. Dann steigen wir aus und schieben die Kanus.

    Kroks hin oder her.

    Dafür sieht man im flachen Wasser die Hippos besser.

    River Horses sind übrigens Flusspferde. Krokodile heißen hier Flat Dogs.

    Finde ich sehr sympathisch, beides Schnappmäuler.

    Die Hippos leben in Familienverbänden, oft dicht an dicht. Liegen sie am Ufer und wir kommen näher, flüchten sie sofort ins Wasser und tauchen erst einmal ab. Meist verschwinden alle. Ein oder zwei bleiben auf Teleskophöhe. Augen, Ohren, Nase.

    Sind wir vorbei, taucht der Rest wieder auf.

    Dann rufen sie hinter uns her.

    Und irgendwo weiter flussabwärts antwortet das nächste Rudel.

    Es klingt fast abgesprochen: Passt auf, da kommen die Touristen.

    Für uns ganz praktisch. So wissen wir, wo die nächste Gruppe steht.

    Der Ruf der River Horses ist einzigartig. Ein Wiehern in Slowmotion, irgendwo auf der Schwingungsebene von „Ommm“.

    Er begleitet uns überall auf dem Fluss.

    Ommm.

    An manchen Stellen müssen wir den großen Sambesi queren, um in den nächsten Seitenkanal zu kommen. Das kann ein hartes Stück Arbeit sein. Mittags kommt Wind auf und wirft Wellen über den Fluss.

    Anne und ich sind inzwischen ein eingespieltes Team. Die Kommandos sitzen meistens.

    Vor allem in den kleinen Kanälen ist das wichtig. Oft lassen wir uns einfach durch diese Wasserwege treiben. Rechts und links Schilf und Grasflächen.

    Und manchmal ein Hippo-Bulle.

    Einige dieser Einzelgänger sind bekannt und gefürchtet. CB macht sich groß, schlägt mit dem Paddel aufs Wasser. Der Bulle läuft an Land.

    Dann können wir vorbei.

    Die Uferböschung ist nie besonders hoch. Überall Vögel. Vom kleinsten bunten Vogel bis zu Adlern und Kormoranen. Immer wieder kommen Antilopen zum Trinken. Wir sehen Büffel und Wasserböcke.

    Und dann die Elefanten.

    Einzeln. In Gruppen. Im Hinterland zwischen den Bäumen. Sie queren vor uns den Fluss oder stehen im Familienverband am Ufer, die Rüssel im Wasser. Trinken. Sich bespritzen.

    Wir legen unsere Kanus zu einem kleinen Floß zusammen und treiben nur wenige Meter an diesen gewaltigen Tieren vorbei.

    Dann paddeln wir wieder zurück.

    Nur um diesen Film noch einmal zu sehen.

    https://youtu.be/SxFPNSuexzM?si=fF3L9ihh8calt4dV

    Und wieder ist da diese Anziehungskraft dieser Tiere aus einer anderen Welt.

    Abends schlagen wir unser Lager auf den Sandbänken der Inseln auf. Die Zelte sind schnell aufgestellt. CB kümmert sich um das Feuer und das Essen. Am zweiten Tag dürfen wir endlich beim Gemüseschneiden helfen.

    Es gibt immer genug zu essen. Und es ist immer gut.

    Breakfast. Lunch. Dinner.

    Mittags liegen wir im Schatten der Akazien, beobachten das Treiben auf dem Fluss oder dösen.

    Ich bin ziemlich froh über meine Ausrüstung. In diesem Fall vor allem über zwei dünne Kapuzenpullover. Sie schützen hervorragend vor der Sonne. Lange Hosen.

    Vor 30 Jahren hatte ich nach der Kanutour einen ziemlichen Sonnenbrand auf den Schienbeinen.

    Was man sich nicht alles merkt.

    Die Abende am Lagerfeuer sind intensiv. Jeden Abend dieser spektakuläre Sonnenuntergang. Die Temperatur bleibt lau. Bei der Proviantplanung haben wir bewusst auf Alkohol verzichtet. Es gibt Wasser und manchmal etwas Sirup für den Zuckerhaushalt.

    CB ist ein sehr ehrlicher und intelligenter Gesprächspartner.

    Wir reden lange, auch über Corona. Für ihn und viele andere im Tourismus bedeutete die Pandemie einen drastischen Einbruch. Eigentlich waren sie zwei Jahre ohne Arbeit. Und selbst jetzt, fünf Jahre später, ist es noch nicht wieder wie vorher.

    Er erzählt, wie er in dieser Zeit angefangen hat, die Landwirtschaft seiner Eltern auszubauen. Seine Frau ist Krankenschwester und hat damals das Einkommen der Familie gesichert. Wir reden von 400 € brutto.

    Sie haben Zwillingstöchter. Für beide gleichzeitig war kein Geld da. Eine konnte auf die Schwesternschule gehen. Die andere begann deshalb eine Lehrerausbildung.

    CB erzählt das ohne Klage.

    In allem findet sich etwas Positives. Und immer geht der Blick nach vorne.

    Nach drei Tagen flussabwärts erreichen wir unser letztes Camp. Gefühlt haben wir einen Monat auf dem Sambesi verbracht.

    Dann werden die Kanus professionell verladen und wir sind wieder im Tourismusmodus.

    Wir setzen uns ins Schnellboot und rauschen die drei Tage in zwei Stunden zurück.

    Ich lege mich vorne hin und döse.

    Anne erzählt mir später von all den Hippos und Elefanten am Ufer, die ich dabei verpasst habe.

    Seelisch vollgetankt landen wir wieder an der Breezes River Lodge.

    Wir erzählen Ant von unseren Erlebnissen und von seinen großartigen Guides. Zeige ihm etwas Rohmaterial meiner Bilder. Er ist ziemlich beeindruckt von den Fotos und freut sich mit uns über die Tour.

    Am nächsten Morgen wollen wir nach Livingstone aufbrechen.

    Vorher kommt Ant noch einmal zu mir.

    Er hat herausgehört, dass ich später wieder nach Osten muss, Richtung Malawi. Und er hat eine Idee.

    Ob ich nicht noch einmal zurückkommen möchte.

    Mit ihm auf eine Fotosafari auf dem Sambesi.

    Seine Webseite könnte dringend ein bisschen aufgepeppt werden. Nichts Großes, sagt er. Schnellboot nehmen, Kanus drauf, ein paar River Guides mitnehmen. An den schönsten Sandbänken halten. Fotos aus dem Kanu, aus dem Schnellboot und von den Sandbänken. Ich mit meiner Kamera, er mit seiner Drohne.

    Ich lache.

    Verspreche nichts.

    Keine festen Termine.

    Aber eigentlich hat er mich schon gepackt.

    Also auf, erst einmal nach Livingstone.

  • 10 – Lusaka, South Luangwa

    10 – Lusaka, South Luangwa

    Lusaka – South Luangwa

    Am nächsten Morgen geht es wieder auf die Straße, zurück nach Lusaka. Dann weiter in den Osten. Und diesmal direkt hindurch.

    Dass der Untergrund bis zur Grenze nach Malawi Teer ist, muss ich erst einmal verinnerlichen. Die Geschwindigkeit wird nun durch Vorschriften bestimmt, Polizeikontrollen, mögliche Beschilderung. Bisher hatte die „Road“ meine volle Konzentration gebraucht.

    Dann schwimmen wir durch das Innere von Lusaka.

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    Die Geschwindigkeit wird durch Händler und Fußgänger bestimmt. Manche Bereiche sind dadurch enger, als mein Auto breit ist. Irgendwie erinnert mich das an die Bugwelle bei Wasserdurchfahrten.

    Nach gefühlt einer Stunde sind wir durch, überqueren eine große Bahnbrücke und die Straßen werden breit und großzügig. Hier gibt es auch größere Supermärkte und wir decken uns ausreichend ein.

    Etwas außerhalb liegt ein Safari Camp, unsere Übernachtung. Es ist bekannt dafür, Safari-Touren in ganz Sambia zu unternehmen. Ich hoffe, aktuelle Informationen zu bekommen.

    Sie haben gerade ein Team in den Kafue geschickt.

    Da kommen wir her.

    Okay.

    Der Lower Zambezi ist näher, aber noch zu nass. Und das eigene Camp im North Luangwa wird erst nächste Woche geöffnet. Wahrscheinlich.

    Ich sehe schon, es ist keine richtige Hilfe.

    Die Entfernungen in Sambia sind weit und es gibt einen festen Termin: Annes Flug zurück von Livingstone.

    Also erst in den Osten, in den schon trockenen South Luangwa. Und wenn es am Sambesi nicht noch einmal regnet, anschließend dorthin.

    Wir verbringen zwei Tage mit Autofahren auf der Great East Road.

    Der erste Abschnitt ist wie schon bekannt, nur noch mehr Potholes, denen man ausweichen muss. Auch die LKW kennen wir schon.

    Anne löst mich am Steuer ab. Kein Problem, wenn da nicht Blinker und Scheibenwischer seitenvertauscht wären.

    Auf dieser Strecke liegt eine strategische Stelle: die Luangwa Bridge.

    Bewacht, und immer nur ein einziges Fahrzeug darf die Brücke überqueren.

    Ab hier hat die EU die Straße weiter bis nach Malawi ausgebaut. Es gibt Seitenstreifen, Ablaufrinnen für größere Regenfälle und Leitplanken.

    Bei den ersten 50 Kilometern haben sie den falschen Teer genommen. Ich verstehe das nicht. Dieser Flüsterteer, der durch den Schwerlastverkehr bei Hitze massive Rinnen bildet.

    Gab es den zum Sonderpreis?

    Danach wird es gut bis sehr gut.

    Auf halber Strecke bis zur Grenzstadt Chipata übernachten wir.

    Eine von diesen Straßenlodges mit Campingmöglichkeit. Der Platz liegt hinter der Lodge und macht einen halbwegs guten Eindruck.

    Was wir nicht sehen: Dahinter ist eine Tankstelle.

    Und in der Nacht wird diese immer wieder angefahren. Die Leute bleiben im Auto sitzen und hupen laut.

    Ich glaube, das war bisher mein schlechtester Übernachtungsplatz.

    Soll heißen: nach vier Monaten!

    Es fällt uns nicht schwer, am nächsten Morgen früh loszufahren.

    Natürlich nach dem Kaffee.

    Der nächste Ort, den wir durchqueren, ist Katete.

    Warum ich das erwähne?

    Es ist ein Ort mit abgegrenzten Fußgänger- und Fahrstreifen, einer Wasserführung und Geschäften, die nicht direkt in der Straße liegen.

    Der einzige Ort in ganz Sambia.

    Sie nennen das hier Pilotprojekt.

    Warum auch immer hier. Wahrscheinlich weil hier der Schwerlastverkehr aus Mosambik von Süden dazukommt.

    Warum die Leute ausgerechnet hier so viel Fahrrad fahren, keine Ahnung. Auf jeden Fall gibt es mehr Fahrradtaxis als Motorradtaxis.

    Wir machen kurz Pause und decken uns noch einmal mit frischem Gemüse ein, vor allem Avocados und Tomaten.

    Anne kauft Brot.

    Danach fahren wir weiter bis Chipata, der Grenzstadt zu Malawi.

    Wir wollen uns hier nicht lange aufhalten, tanken noch einmal auf und fahren dann Richtung Norden zum Luangwa.

    Die Straße wird sofort schlechter.

    Ich hasse diese kaputten Teerstraßen. Lieber fahre ich durch diverse Wassersenken als durch diese aufgerissenen Löcher im Asphalt.

    Mein Auto gibt mir recht.

    Allmählich senkt sich die Landschaft. Die Temperatur steigt langsam und es wird feuchter.

    Wir nähern uns dem Flusslauf.

    Unser Ziel ist das Wildlife Camp. Es liegt direkt am Fluss in einer Schleife, aber noch außerhalb des Parks. Diesen Tipp habe ich aus unterschiedlichen Quellen bekommen, unter anderem aus Kalala.

    Der Empfang ist herzlich, wie immer.

    Wir haben nicht gebucht.

    Wir bekommen einen Platz direkt am Fluss.

    Das Camp ist groß. Eine Lodge ist angeschlossen, es gibt einen Pool und ein Restaurant, wenn man möchte. Alles ist fußläufig.

    Nur nicht bei Nacht.

    Im Camp sind Hippos an der Tagesordnung, manchmal auch Löwen.

    Was will man mehr.

    An diesem Nachmittag haben wir einen wunderschönen Sonnenuntergang direkt vor der Haustür.

    Es ist einer dieser grandiosen Afrikaabende mit Sundowner, Vogelgesang, Impalas, die über die Flussbänke spazieren, und Hippo-Geräuschen überall.

    Hier lässt es sich aushalten.

    Wir sind für drei Nächte hier.

    Es werden fünf.

    Es stimmt einfach.

    Wir unternehmen mehrfach Fahrten mit den campeigenen Autos und bekommen einen ausgezeichneten Guide gestellt. Wir machen ausgedehnte Tagesfahrten, gehen auf Fußsafari und Night Drive.

    Die Landschaft ist wunderschön. Die Flusslandschaft wechselt von offenen Flächen zu lichtem Buschland und einzelnen zugewachsenen Lagunen, die wie eine saftige Wiese aussehen.

    Nilpferde lieben es, sich durch den Wassersalat zu wühlen. Wenn sie dann an Land sind, sieht es aus, als wären sie mit Salat garniert.

    Eine Fußsafari in Sambia besteht immer aus einem Guide und einem Ranger. Beide haben unterschiedliche Ausbildungen. Der Ranger hat immer ein Gewehr dabei.

    Wir sind zu fünft. Eine Lokal im 2. Lehrjahr zu Safariguide Ausbildung begleitet uns.

    Unser Guide macht den Fußmarsch so spannend, dass selbst die Ablenkung durch die Geräusche hinter den Büschen verschwindet.

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    Es geht um Rain Trees und darum, wie sie sich gegenüber den Tieren schützen. Wie eine der kleinen Big Five, die Löwen-Ameise, ihren Trichter baut und als Falle benutzt. Wie man mit Impala-Kötteln Weitspucken veranstaltet. Welche Blätter und welche Borke man als Tee verwenden kann und welche zu medizinischen Zwecken.

    Und natürlich die unterschiedlichen Spuren. Wie man ihr Alter bestimmt und die Größe der Tiere abschätzen lernt.

    Dass in einem Sausage Tree gerne Paviane sitzen. Darunter versammeln sich die Gazellen und fressen die heruntergefallenen Früchte. Der Leopard weiß das auch und sucht sich deshalb gerne diese Bäume aus.

    Diese Spur ist kein Löwe, sondern ein Leopard. Wir begegnen Impalas und Giraffen. 

    Wie alt ist der Elefantendung? Kann man ihn zur Abschreckung gegen Moskitos verwenden?

    Dann ist da diese seltsame Situation. Unsere Begleiterin fasst mich plötzlich an der Hand, zittert leicht und möchte nicht mehr loslassen. Sie gesteht mir, dass sie unheimliche Angst vor Giraffen hat. 

    „Nature Don’t Want to harm You“

    Das ist meine wichtigste Erkenntnis im Busch. Es hilft ihr auch, nach 3 Minuten geht es weiter.

    Zum Ende ist da der Elefantenbulle in der Musth. Sein Hormonüberschuss möchte irgendetwas zusammentreten.

    Zum Glück sind wir wieder in der Nähe des Land Rovers.

    Der auch noch richtig herumsteht.

    Ich bin nun schon lange in Afrika und auch in früheren Jahren viel im Busch unterwegs gewesen.

    Ich habe aber noch nie einen Leoparden gesehen.

    An einem Tag sehen wir vier!

    Mal im Busch versteckt, kaum auszumachen.

    Was für eine Tarnung.

    Dann geht einer den Weg entlang und wir können im Schritttempo nebenherfahren.

    Ein anderer wartet am Tümpel, lauert auf eine Ente, um sie dann mit einem Sprung zu jagen.

    Ein unglaublich edles Tier.

    Hätte ich nicht ein Video aus Namibia gesehen, in dem man einen Leoparden in einem Käfig gefangen hatte. Er hat die Gitterstäbe einfach aufgebogen.

    Oder ein anderes, in dem ein Leopard einen Pavian über mehrere Bäume jagt, um ihn dann vor der gesamten Horde zu verspeisen.

    Zwei Tage verbringen wir einfach im Camp und beobachten das Treiben.

    Impalas und Wasserböcke ziehen durch das Camp zum Wasser, keine 20 Meter entfernt.

    Hippos kommen zum Grasen auf die Wiesen im Camp. Man hört sie schmatzen und dann schleudern sie ihren Dung mit dem rotierenden Schwänzchen durch die Gegend.

    Einzelne Fischer staken in ihren Einbäumen vorsichtig an den vielen großen Gruppen von Hippos vorbei.

    Ein Krokodil fasst einen Reiher und zieht ihn ins Wasser.

    Oder das große Gemetzel der Krokodile, die ein kleines Hippo gefasst haben.

    Elf an der Zahl.

    Gejagt von den großen Hippos.

    In der Strömung sieht man die Rotfärbung über eine Strecke von 100 Metern.

    An so einem Ort trifft man nette Menschen. Menschen, die neugierig auf die Natur sind und bereit, sich auf sie einzulassen.

    Duncan und Jennifer sind für ein verlängertes Wochenende aus Malawi gekommen. Die Ausrüstung ist einfach. Geschlafen wird in einem Zelt.

    In Malawi kann man fast keine Ausrüstung besorgen, erzählen sie.

    Er hat eine Farm. Sie ist Osteopathin, die einzige in Malawi.

    Ihre Mutter liegt im Sterben in Kapstadt.

    Sie bekommen meinen Starlink-Zugang.

    Wir trinken und erzählen.

    Ich bin neugierig auf Malawi, mein nächstes Reiseziel.

    Sie laden mich herzlich auf ihre Farm ein und ich verspreche, mich zu melden.

    Am nächsten Tag wollen wir weiter.

    Zurück in den Westen.

    Denn in zehn Tagen müssen wir wieder in Livingstone sein.

    Und das Land hat natürlich noch viel mehr zu bieten.

  • 09 – Lusaka, Kafue,Lusaka

    09 – Lusaka, Kafue,Lusaka

    Wieder einmal bestimmt das Wetter den Weg. Da es im Osten noch zu nass ist, wollen wir erst einmal in den Westen fahren. In der Mitte gabelt sich das Land. Also fahren wir nach Lusaka.

    Von der Strecke zwischen Livingstone und Lusaka wird gewarnt. Viele LKWs, enge Ortsdurchfahrten, viel Verkehr. Sie ist eine der Hauptachsen aus dem Kupfergürtel im Norden in den Süden zu den Häfen: schwer beladen in den Süden und mit Technik beladen zurück in den Norden. Es heißt, 50 dieser Laster schaden der Straße genauso wie 50.000 PKWs.

    Dabei ist die Straße selbst eigentlich harmlos. Sie schlängelt sich durch mäßiges Hügelland, ist meist übersichtlich, ab und zu gibt es ein Pothole. Das Problem sind die Lastwagen.

    Es gibt viele davon und in sehr unterschiedlicher Qualität. Fast alle sind voll beladen, manche offensichtlich überladen. Ladungen hängen schief, Achsen laufen nicht mehr dort, wo sie eigentlich laufen sollten. Gefühlt alle zwanzig Kilometer steht oder liegt einer am Straßenrand: Reifenschaden, Panne oder umgestürzt. An den Steigungen quälen sie sich mit weniger als 40 km/h nach oben. Zu wenig Motor für zu viel Ware.

    Dazu kommt die praktisch nicht vorhandene Beschilderung. Es gibt kaum Ortsschilder. Ich weiß nicht, warum plötzlich eine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt, und noch weniger, wann sie wieder aufgehoben ist.

    Das weiß dafür die Polizei.

    Sie steht am Ende der Ortschaft und kontrolliert die Geschwindigkeit. Wer nicht in die Falle fahren will, fährt ohnehin langsamer als vermutlich erlaubt. Trotzdem erwischt es mich. Man zeigt mir auf dem Handy ein Beweisfoto. Welche Geschwindigkeit an genau dieser Stelle erlaubt ist, sagt mir die Polizei.

    400 Kwacha wollen sie haben.

    Ich bin vorbereitet und habe 120 dabei. Er bekommt 100. Er versteht die einfache Logik, dass ich die restlichen 20 noch für das Tollgate brauche. 100 Kwacha sind etwa 4,50 Euro.

    Immer freundlich bleiben. Das ist lästig. Bei Diskussionen drohen sie aber immer mit dem Gericht. Und die Dorfgerichte sind so eine Sache. Meistens habe ich Glück mit meinem Auto. Es sieht aus wie ein offizielles, internationales und ausländisches Auto. Alles Bereiche, die die normale Polizei überfordern und deswegen lieber durchwinken.

    Dann kommen wieder die Ortsdurchfahrten. Einfache Straßendörfer, viele Menschen und immer wieder Speed Bumps, wahllos verteilt und in jeder denkbaren Größe. Mal gilt 50, mal 40, manchmal weiß man es einfach nicht.  

    Viele dieser Orte sind eigentlich ein einziger großer Markt. Gemüse, Obst, Essen, Kleidung, irgendwelche Waren, kleine Garküchen. Fußgängerbereiche gibt es nicht. Jeder teilt sich alles mit jedem, auch die Straße. Ein klassisches Wimmelbild, eingerahmt von dem Lärm, der entsteht, wenn jeder versucht, sich irgendwie Gehör zu verschaffen.

    Tankstellen gibt es fast in jedem kleineren Ort. Meine erste Frage ist, ob sie Kreditkarten akzeptieren. Die zweite, ob sie Diesel haben. Beides gleichzeitig trifft ungefähr auf jede fünfte zu. Anders als in Botswana und Namibia kommt in Sambia auch niemand und wischt die Scheibe. Die Luftkompressoren funktionieren meistens ebenfalls nicht. Gut, dass ich meinen eigenen dabeihabe.

    Wir kommen langsamer voran als gedacht. Das ständige Überholen der LKWs ist anstrengend, die Straße voll. Gestern hatte Kenneth Kaunda, Sambias Gründungsvater, Geburtstag. 

    Eigentlich wollen wir noch etwas weiterfahren und in einer bekannten Overlander-Lodge übernachten. Stattdessen bleiben wir auf einer Farm etwas abseits der Straße.

    Unsere erste Nacht gemeinsam im Camper.

    Ich merke schnell, dass ich nicht alles auf einmal erklären kann. Licht und Elektrik sind noch einfach. Aber wie schließt man die Klappe von außen? Wie sichert man sie von innen? Wo kommt der Autoschlüssel hin? Wohin mit den Schuhen? Wo ist das Wasser? Und wie kommt man nachts zum Pinkeln raus?

    Für mich ist das alles längst selbstverständlich. In den vergangenen Monaten hat sich eine Ordnung entwickelt, ohne dass ich groß darüber nachgedacht habe. Jeder Gegenstand hat seinen Platz, jeder Handgriff seine Reihenfolge. Nicht weil ich besonders ordentlich geworden wäre, sondern weil es das Leben auf engem Raum einfacher macht.

    Jetzt merke ich: Manche dieser Abläufe taugen hervorragend für einen Menschen.

    Für zwei manchmal nicht.

    Aber wir haben ein paar Tage, um das herauszufinden.

    Am Morgen werden wir früh vom Blöken der Kühe geweckt. Wir frühstücken und brechen wieder auf. Das Wetter ist angenehm, noch ist es in dieser Jahreszeit nicht warm.

    Die Landschaft verändert sich. Aus Steppe werden Wiesen mit Kühen, Rindern und Schafen. Dazwischen größere Kartoffel- und Maisfelder. Berge gibt es keine, Hügel schon.

    Die Straßendörfer rücken näher zusammen, die Abstände werden kürzer, der Straßenbelag schlechter.

    Wir nähern uns Lusaka.

    Zur Unabhängigkeit 1964 war Lusaka noch eine überschaubare Stadt. Heute leben hier etwa zweieinhalb Millionen Menschen, im Umland noch einmal eine Million. Ein Wachstum, bei dem die Infrastruktur kaum hinterherkommen kann. Nicht hier in Afrika und vermutlich auch nicht in Europa.

    Über die nicht mehr aufzuhaltende Kaskade des Bevölkerungswachstums in Afrika möchte ich nicht schreiben. Um das zu verstehen, lebe ich einfach zu kurz.

    Mich beschäftigt im Moment ohnehin etwas viel Banaleres: der Verkehr.

    Wir müssen uns hindurchschlängeln, obwohl wir Lusaka nur am äußeren Rand streifen. Ausweichen auf Nebenstraßen ist keine Alternative. Das sind Öko-Straßen im schlechtesten Sinne.

    Für die letzten zehn Kilometer bis zu unserer Abzweigung nach Westen brauchen wir mehr als zwei Stunden.

    Jeder versucht, sich irgendwie am anderen vorbeizudrängen. Selbst die größten Lastwagen machen da keine Ausnahme. Eine klare Struktur kann ich nicht erkennen. Die Einheimischen offenbar auch nicht.

    Dann endlich die Ampel, an der wir abbiegen müssen. Ich glaube, es ist erst die dritte, die ich in Sambia sehe.

    Danach wird der Verkehr langsam übersichtlicher. Nicht viel, aber genug, um wieder einen Zeitplan zu haben.

    Es wird früh dunkel, und inzwischen ist klar: Wir schaffen es nicht mehr bis zum Eingang des Parks. Weder die üblichen Overlander-Informationen noch Tracks4Africa zeigen auf dieser Strecke eine vernünftige Übernachtungsmöglichkeit.

    Also peilen wir Mumbwa an, den letzten größeren Ort vor dem Park, und hoffen, dort irgendetwas zu finden.

    Wir erreichen die ersten Siedlungen. Meine Aufmerksamkeit gilt vor allem den Straßenrändern, weil ich wieder mit Polizeikontrollen rechne.

    Ein Schild.

    Olive Grove.

    Das brennt sich sofort auf meiner Festplatte ein. Mein letztes Olivenöl habe ich in Namibia gekauft. Gegessen haben wir auch noch nichts. Also drehe ich um und hoffe, dass wir dort wenigstens etwas zu Abend bekommen.

    Wir fahren durch das Hofstor. Dahinter liegt ein gepflegter Garten, schön angelegt, ein modernes neues Gebäude mit Terrasse und Bestuhlung.

    Eindeutig ein Restaurant.

    Ich hoffe nur, dass es kein privater Club ist.

    Der Name hält, was das Schild versprochen hat. Wir haben tatsächlich ein nettes Restaurant gefunden. Und im hinteren Bereich gibt es sogar ein neues, modernes Gästezimmer für 50 Dollar, inklusive Frühstück.

    Und ich hatte schon befürchtet, wir müssten Annes Geburtstag auf irgendeinem Seitenstreifen verbringen.

    Stattdessen gibt es Burger, Bier, Wein und sogar eine Siebträger-Kaffeemaschine.

    Und am nächsten Morgen:

    Happy Birthday.

    Von hier aus ist es bis zum Kafue-Nationalpark nicht mehr weit.

    Ein Nationalpark schützt Tiere. Das ist die einfache Vorstellung.

    Beim Kafue ist es nur ein Teil der Wahrheit.

    Der Park ist riesig, größer als manche europäischen Länder. Mittendrin fließt der Kafue, einer der großen Flüsse Sambias. Er sammelt hier sein Wasser, zieht weiter durch das Land, versorgt Felder und Menschen und wird später aufgestaut, um Strom zu erzeugen. Das entsprach lange ungefähr der Hälfte der gesamten sambischen Kraftwerksleistung.

    So bekommt ein Nationalpark eine ganz andere Bedeutung. Er schützt nicht nur das Wasserloch, an dem ein Elefant trinkt. Er schützt einen Teil des Wassersystems, von dem ein ganzes Land abhängig ist.

    Dazu kommen riesige Flächen Miombo-Wald, Grasland und Überschwemmungsgebiete. Landschaften, die außerhalb der Schutzgebiete zunehmend unter Druck geraten. Hier dürfen sie noch weitgehend das tun, was Landschaft seit Jahrtausenden macht. Wasser aufnehmen und wieder abgeben. Kohlenstoff speichern. Abbrennen und nachwachsen. Tieren Raum geben.

    Und Raum ist vielleicht das Entscheidende.

    Ein Wildhund braucht keine schöne Aussicht. Er braucht Platz. Ein Gepard auch. Antilopen wandern, Vögel sowieso. Dafür reicht kein eingezäuntes Stück Savanne, in dem ein paar Tiere für Touristen übrig bleiben. Es braucht große, offene und zusammenhängende Gebiete.

    Kafue ist so ein Gebiet.

    Natürlich fahre auch ich hinein, weil ich Tiere sehen möchte. Ich habe Kamera und Fernglas dabei und freue mich über jeden Löwen.

    Der für uns sichtbare Teil.

    Der eigentliche Wert liegt darin, dass hier etwas zusammenbleibt, was außerhalb immer weiter in einzelne Stücke zerfällt.

    Wald, Wasser, Tiere und Platz.

    Eigentlich eine ziemlich einfache Idee.

    Ich will in den Norden. Schon bei der Vorbereitung hatte ich mich gewundert, dass die bekannteren Lodges dort oben noch nicht zu erreichen waren. Die berühmten Busanga Plains haben sicherlich noch Wasser, aber eigentlich müsste es inzwischen gut befahrbar sein.

    Nach einer gemütlichen Stunde stehen wir am Gate zum nördlichen Teil des Parks.

    Wir werden freundlich begrüßt. Ein paar Ranger sitzen am Eingang.

    Der Norden ist geschlossen.

    Wann macht er auf?

    Sie wissen es nicht. Vielleicht in drei Wochen.

    Okay. So lange können wir nicht warten.

    Dann eben in den Süden.

    Bis zu Roy’s Camp direkt am Kafue River ist es nicht weit. Wieder einmal sind wir praktisch allein. Der Manager Evans lässt uns freie Wahl, wo wir unser Auto hinstellen wollen. Direkt am Wasser, etwas erhöht und möglichst nicht auf einem der Hippo-Pfade, von denen es hier reichlich gibt.

    Der Nachmittag ist noch jung, und Evans bietet uns eine kleine Bootstour auf dem Kafue an. Erst muss er allerdings mit seinem Boss klären, dass ich nicht alles mit meinen inzwischen wertvollen Dollarreserven bezahlen muss.

    Dann geht es aufs Wasser.

    Ganz langsam in den Sonnenuntergang.

    Heute sind es vor allem die Vögel. Reiher, Kraniche und Pelikane stehen am Ufer oder fliegen in Formation dicht über das Wasser. Fast lautlos.

    Zurück im Camp machen wir ein Lagerfeuer. Sobald genügend Glut da ist, kommt die Pfanne drauf.

    Mehr braucht es heute nicht.

    Am nächsten Morgen lassen wir es gemütlich angehen. Der südliche Teil des Parks ist dicht bewachsen. Ohne etwas mehr Licht sieht man ohnehin wenig, und das nächste Camp ist nicht weit.

    Mir fällt auf, dass Evans etwas hinkt.

    Vor zwei Wochen, erzählt er, hat er die erste Walking Safari des Jahres gemacht. Das Gras stand noch hoch.

    Eine Schwarze Mamba hat ihn in die Wade gebissen.

    Ich gratuliere ihm erst einmal dazu, dass er noch lebt.

    Dann kommt bei mir der Arzt durch. Evans ist gerne bereit, sein Bein zu zeigen.

    Nach dem Biss hat man ihn mit möglichst wenig Bewegung aus dem Busch gebracht und das Bein leicht gestaut. Zwischenzeitlich war die ganze Extremität gelähmt. Behandelt wurde er von einem Traditional Doctor. Ober- und unterhalb des Bisses hat er die Haut rund um das Bein eingeritzt und die Wunden mit einer Paste aus Kräutern, Blättern und Harzen bestrichen.

    Zwei Wochen später sind die Lymphknoten in der Leiste noch deutlich geschwollen.

    Das Bein funktioniert wieder völlig normal.

    Antivenom hat er keines bekommen.

    Ich denke kurz an den ADAC-Rückholservice und daran, welchen Nonsens wir so treiben.

    Hüte mich aber, das zu erwähnen.

    Wir fahren weiter in den Park.

    Die Parkgebühren werden in Dollar bezahlt, andere Gebühren in sambischen Kwacha. Die Länder brauchen Devisen.

    Schon auf der ersten Runde durch die Miombo-Wälder begegnet uns ein Tier, das auf meiner bisherigen Reise noch keine größere Rolle gespielt hat.

    Dunkelblaue Tücher hängen überall zwischen den Bäumen.

    Für mich sind sie wie Stoppschilder:

    Fenster zu.

    Wir sind im Tsetse-Gebiet.

    Die Schlafkrankheit spielt in Sambia heute kaum noch eine Rolle. Aber die Fliegen sind trotzdem da. Und ihre Bisse tun richtig weh.

    Heute bin ich froh über mein klimatisiertes Auto.

    Draußen hämmern die Tsetsefliegen gegen die getönten Scheiben. Unter diesen Bedingungen macht Tierbeobachtung mit offenem Fenster wenig Spaß. Also fahren wir langsam durch die wunderschönen Miombo-Wälder und steuern das nächste Camp an.

    Wieder am Fluss, diesmal mitten im Nationalpark.

    Am Eingang hängt eine Flasche Insektenspray. Daneben ein Schild mit der Aufforderung, erst einmal das Auto einzusprühen, bevor man auf den Campsite fährt.

    Das lässt hoffen.

    Der Platz ist wunderschön. Wir haben ein Stück Fluss für uns. Im letzten Licht tanzen die Mücken über dem Wasser, Hippos planschen zwischen den Büschen und Warane laufen vorsichtig am Ufer entlang.

    Der Campsite gehört zum Kasabushi River Camp. Man versorgt uns mit Feuerholz, nimmt uns zu einem vernünftigen Preis auf einen Night Drive mit und bereitet sogar unser Abendessen so weit vor, dass wir es danach nur noch auf den Herd stellen müssen.

    Ravioli in Butter mit Parmesan und Walnüssen.

    Netter Service. Sehr angenehm. Sehr freundlich.

    Dabei lernen wir ein australisches Ehepaar kennen, ebenfalls mit dem Camper unterwegs. Sehr sympathisch. Craig ist Berufskraftfahrer. Er fährt in Australien diese Wahnsinnsteile von Road Trains, bis zu 50 Meter lang.

    Er fährt einfach gerne Auto.

    Den Land Cruiser haben sie aus Australien nach Afrika verschifft. Später wollen sie weiter nach Namibia und ihn dort stehen lassen.

    Für die nächste Tour im nächsten Jahr.

    Am Morgen macht Anne Yoga. Zu Hause geht sie mindestens dreimal die Woche zum Sport. Das funktioniert hier natürlich nicht ganz so einfach.

    Dann packen wir zusammen.

    Wir wollen weiter zum Itezhi-Tezhi-See.

    Die Landschaft verändert sich.

    Wir fahren weiter durch Miombo-Wälder, ab und an tauchen zwischen den Bäumen einzelne gewaltige Felsen auf. Monolithische Erhebungen, manche wie ein riesiger Pilzhut geformt, manche vielleicht zweihundert Meter hoch.

    Einen davon wollen wir uns genauer ansehen.

    Querfeldein fahren wir darauf zu. Einen Weg gibt es eigentlich nicht. Aber irgendwo muss hier schon einmal ein Fahrzeug gestanden haben. Auf dem Stein ist eine Art Spur zu erkennen, die langsam nach oben führt.

    Es ist Mittag. Nicht gerade die Hauptjagdzeit der Löwen. Und Felsen sind ohnehin nicht so ihr Ding.

    Also langsam schräg den Hang hinauf.

    Wir machen genügend Lärm, damit Schlangen oder vielleicht auch ein Leopard wissen, dass wir kommen, und genügend Zeit haben, sich zu verziehen.

    Oben weht ein angenehmer Wind.

    Und wir haben genau den richtigen Felsen ausgesucht.

    Vor uns liegt der Park. Der große Fluss mit seinen Feuchtgebieten zieht durch die Landschaft, gegenüber macht er eine grandiose Kurve. In der Ferne kann man den See erahnen.

    Ein fantastischer Rundumblick.

    Irgendwann steigen wir wieder hinunter. Auf den letzten Metern zum Auto werden wir automatisch etwas vorsichtiger.

    Alles normal.

    Also weiter.

    Je weiter wir nach Süden kommen, desto offener wird die Landschaft. In großen Bögen umfahren wir die Auen, die eigentlich mehr zu einem großen Fluss passen als zu einem Stausee.

    Hier stehen Kafue-Lechwe in den wasserdurchtränkten Wiesen. Kormorane jagen im flachen Wasser, dazwischen Marabus.

    Jetzt versteht man langsam, warum Wasser und Kafue nicht voneinander zu trennen sind.

    Wir fahren auf der Ostseite des Sees weiter und steuern, nicht weit vom Staudamm entfernt, das alte Safari Camp Kalala an.

    Die Straße windet sich am See entlang. Manchmal direkt am Ufer, dann wieder oben auf den Anhöhen, die den See im Osten begrenzen.

    Das Camp ist älter als der Stausee. Schon früh haben Reisende hier ihr Lager aufgeschlagen, vor allem zum Fischen. Der damalige Bereich liegt heute unter Wasser. Das Camp ist auf den Hügel ausgewichen.

    Dort thront es wie ein Adlernest über dem See.

    Viel Platz gibt es nicht. Drei Autos müssen sich schon ziemlich eng machen.

    Und eines davon kennen wir.

    Die Australier.

    Das Wiedersehen fällt entsprechend herzlich aus. Wir teilen uns den Campsite und setzen uns zum Sundowner auf die Terrasse. Dort gibt es eine Barbecue-Stelle, und das Abendessen ist schnell ausgehandelt.

    Der Abend wird lang und feucht-fröhlich.

    Dazu ein Sonnenuntergang, um den uns manche Mittelmeerinsel beneiden könnte.

    Am nächsten Morgen frühstücken wir gemeinsam und verabschieden uns herzlich. Die beiden zieht es weiter Richtung Namibia. Wir wollen jetzt in den Osten Sambias.

    Die Welt ist deutlich zusammengerückt. Nummern sind ausgetauscht.

    Und wer weiß, vielleicht …

    Wir nehmen diesmal den Shortcut zurück zur West-Ost-Verbindung, über die wir in den Park gekommen sind.

    Die Strecke ist in einem grauenhaften Zustand und eigentlich eher etwas für ein Motorrad. Die Regenzeit hat massive Schäden hinterlassen, und ein Grader war hier offensichtlich noch nicht unterwegs.

    Ausgewaschen, zerfurcht, tiefe Absätze und ständig unterschiedliche Höhen. Dazu ein Untergrund, hart wie Beton.

    Drei Stunden lang zehrt die Strecke am Auto.

    Und an uns.

    Danach ist die Entscheidung schnell gefallen.

    Wir fahren wieder zum Olive Grove.

    Inzwischen haben wir unseren Rhythmus etwas weiterentwickelt:

    Drei Nächte im Camper.

    Dann darf es auch mal wieder ein richtiges Bett sein

  • 08 – Livingstone, Sambia

    08 – Livingstone, Sambia

    Livingstone

    Heute ist der 23. April. Von Kasane nach Sambia geht es über die große Kazungula-Brücke. Bis vor wenigen Jahren fuhren hier noch kleine Fähren über den Sambesi. Um den enormen Lkw-Verkehr von den großen Minenfeldern im Kongo und in Sambia zu den Seehäfen in Namibia und Südafrika zu bewältigen, wurde eine große Brücke mit einem One-Stop-Grenzübergang gebaut. Wie bei den meisten Großprojekten in Afrika war auch hier eine asiatische Firma am Werk, in diesem Fall aus Südkorea. 20 Dollar Maut pro Auto decken gerade einmal die laufenden Kosten.

    Dafür bin ich von Kasane aus in einer halben Stunde auf der anderen Seite. Auch die Grenzabwicklung ist, mit kleineren Verzögerungen, nach zweieinhalb Stunden erledigt.

    Story behind Grenzverzögerung

    Zwei Dinge passieren.

    Die sambische Seite möchte die Fahrzeugausfuhr aus Namibia sehen, die ich nie bekommen habe. Botswana hat sie damals nicht eingefordert, sondern nur meine Einreise dokumentiert.

    Und der sambische Zollbeamte möchte mir einen Gefallen tun. Weil ich sage, dass ich länger als vier Wochen im Land bleiben werde, gibt er mir ein Arbeitsvisum für drei Monate. Alles lieb und nett. Das bedeutet allerdings, dass ich mein Auto offiziell nach Sambia importieren und dafür Steuern bezahlen müsste.

    Das Doppelproblem lösen wir im Hinterzimmer mit den Vorgesetzten. Alle sind freundlich und sehr hilfsbereit, keine Bestechung. Der Visumstempel wird durch einen Touristenstempel für drei Monate ersetzt – normal ist ein Monat – und meine Fahrzeugpapiere reichen am Ende für die Einreise aus.

    Da die Einreisegenehmigung des Autos wiederum an das normale Touristenvisum gebunden ist, habe ich jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate und mein Auto eine für einen Monat.

    Und weil in den modernen, neuen Grenzbüros gerade die Computer ausgefallen sind, wird das Ganze auf altem Papier dokumentiert.

    Ich freue mich schon auf die nächsten Kontrollen. Wo auch immer.

    Ich fahre weiter auf der Nordseite des Sambesi Richtung Livingstone. Die Straßenschilder verändern sich unmerklich. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen sind ähnlich. Der Teer ist gut, hat aber Schlaglöcher.

    Was deutlich auffällt: Es gibt viel mehr Menschen. Und viel mehr Fahrräder auf den Seitenstreifen, die unmögliche Dinge transportieren. Vier Säcke Holzkohle. Zehn Wasserkanister. Dinge, bei denen ich schon mit einem Auto überlegen würde, wie ich sie festbinde.

    Ich nehme mir vor, möglichst nicht nachts zu fahren.

    Dann komme ich nach Livingstone.

    Es gibt genügend Beschreibungen über die Alleen, die alten Herrenhäuser, die Grünanlagen und die lauschigen Gegenden am Sambesi. Spannender finde ich, was Livingstone aus seiner Umgebung gemacht hat.

    Hier trifft auf engstem Raum moderner Eventtourismus mit einem der sieben Weltnaturwunder, Bungeejumping und Helikopter-Sightseeing, laut und bunt, auf traditionellen Safaritourismus in Camouflage, leise Pirschfahrten und viel Geduld. Modernes Stadtleben in Symbiose mit Dörfern aus Lehmhütten, eigenen Regeln, eigener Medizin und einem Chief, der das Ganze noch immer steuert.

    Ich campe direkt am Fluss, neben dem Livingstone Waterfront Hotel. Am Horizont gegenüber des Sonnenuntergangs steht der  Rauch des Wasserfalls. Ich bin ausreichend zentral, habe WLAN und kann auf der großen Veranda etwas zu essen bestellen.

    Die Stadt ist voll. Die Hotels sind ausgebucht. Am Wochenende findet ein Musikfestival statt: Mosi Day of Thunder.

    Screenshot

    Die Victoria Falls, oder Mosi-oa-Tunya in der Losi-Sprache, ist hier das Wichtigste überhaupt und wahrscheinlich auch die wichtigste Marke Sambias. Die größte Brauerei des Landes hat sich den Namen gleich gesichert, und jeder trinkt hier Mosi premium Lager.

    Ich kann nur jedem raten: Trinkt lieber zwei. Das erste schmeckt noch nicht.

    Auf jeden Fall läuft hier jeder Zweite in einem grünen T-Shirt der Brauerei herum.

    Die Suche nach einer Unterkunft für die Zeit nach Annes Ankunft wird kompliziert. Die Besucher hier sind jünger, der Tourismus ist stärker an die Bucket List angepasst. Und die Victoriafälle sind der Listenpunkt schlechthin.

    Mit zunehmendem Eventtourismus wird auch die Hautfarbe weißer. Hier treffen die sich, die heute in Livingstone sind, morgen in Kapstadt und übermorgen in Arusha. Danach vielleicht Mauritius oder Sansibar. Das Sprachenwirrwarr ist hauptsächlich europäisch, dazwischen Chinesisch und Japanisch.

    Von der Veranda legen die Sundowner-Boote ab. Abendessen inklusive, Musik inklusive, dazu der typische Cocktail nach Wahl.

    Ich dehne meine Unterkunftssuche bis nach Simbabwe aus. Am Ende bleibe ich bei der lokal geführten Nkhosi Lodge hängen, zwanzig Minuten außerhalb von Livingstone.

    Sie wird sich als Glückstreffer herausstellen.

    Am nächsten Tag fahre ich zum Flughafen. Modern, klein und überschaubar. Während ich auf die Ankunft warte, besorge ich mir in der Wartehalle noch eine Sim-Karte.

    Was soll ich sagen. Ich bin noch gar nicht fertig mit der Kartenübertragung, da steht Anne plötzlich in dieser kleinen Wartehalle.

    Vor drei Monaten haben wir uns verabschiedet. Ich bin dann mal weg. Für mindestens ein Jahr.

    Richtig verstanden hat sie das wahrscheinlich nicht. Aber zugelassen.

    Es ist nicht einfach, so etwas im Vorfeld zu besprechen, wenn man an diesem Punkt völlig unterschiedlich steht. Bis vor kurzem befanden wir uns noch in einem geometrischen Gleichgewicht. Ich, sie, meine Arbeit, ihr Beruf. Alles kreiste und bewegte sich um eine gemeinsame Schnittmenge.

    Dadurch, dass meine Arbeit aus dieser Zentrifuge hinauskatapultiert worden ist, hat sich einiges verschoben.

    Was ich aber jetzt sehe, dort in dieser kleinen Wartehalle, ist Vertrautheit.

    Und das ist gut so.

    Wahrscheinlich der wichtigste Teil unserer Schnittmenge.

    Vertrautheit bei der Umarmung. Vertrautheit beim Küssen. Vertrautheit beim Geruch.

    Für das langsame Ankommen fahren wir zuerst dorthin, wo es Kaffee gibt. Und internationales Essen. Wir fahren zum Livingstone Waterfront, setzen uns ans Wasser und finden langsam unseren Kommunikationsrhythmus wieder. Ist ja gerade nicht meine Stärke und ich habe die letzten drei Monate fast nur Englisch gesprochen.

    Die Lodge ist perfekt für uns. Ein großes Zimmer, wir sind fast die einzigen Gäste. Es gibt einen großen, rund angelegten Garten, schönen Poolbereich und ein kleines Restaurant. Hier läuft alles auf Absprache.

    Anne schläft erst einmal ihren Flug aus.

    Tag 1

    Am nächsten Tag ist das Frühstück spät, reichlich und lecker.

    Wir fahren das kurze Stück zu den Wasserfällen hinunter, parken direkt davor und sichern das Auto gegen die rabiaten Paviane. Die letzte Geschichte, die ich gehört habe: Ein Pavian hat einem Besucher mit Gewalt die Kamera entwendet, Batterie und Speicherkarte herausgenommen, die Kamera weggeworfen und anschließend genüsslich an beidem gelutscht.

    Nee, ehrlich!

    Den Rauch der Fälle sieht man von überall und schon von weitem, ähnlich dem Kirchturm des Freiburger Münsters. Ich bin inzwischen zum dritten Mal an den Victoriafällen, aber so viel Wasser habe ich hier noch nie gesehen.

    In dem kleinen Park rund um die Fälle ist alles touristisch. Regencapes, Schutzhüllen fürs Handy, gut angelegte Wege zu den verschiedenen Aussichtspunkten.

    Und alles ist feucht.

    Die Besucher sind zahlreich, deutlich jünger und teilweise schon für das Festival aufgebrezelt. Alle bewegen sich durch den Sprühregen, und jeder will über die berühmte Brücke über den Abgrund.

    Dort beginnt der Wasserwahnsinn.

    Wasser von oben, von der Seite und von unten. Innerhalb kürzester Zeit sind alle nass. Der Wasserwahnsinn nimmt wenig Rücksicht auf das Festival-Styling der jungen Generation. Einige müssen danach sicherlich noch einmal zurück ins Hotel zum Nachschminken.

    Zum Trocknen setzen wir uns auf die inzwischen bekannte Veranda am Sambesi und trinken einen Kaffee.

    Es ist Nachmittag. Vor der Veranda liegt ein Sundowner-Boot. Sie versprechen, die Musik nicht zu laut zu spielen. Das Menü klingt auch gut.

    Also bleiben wir im Sightseeing-Tourismusmodus.

    Gin Tonic in der Hand, Abendessen an Bord und der Sambesi wird langsam orange. Es ist wahrscheinlich eines der klassischsten Afrika-Klischees überhaupt.

    Und ziemlich schön.

    Anschließend sind wir früh im Bett.

    Tag 2

    The Elephant Café

    Der nächste Tag wird spektakulär, extravagant und ein weiterer Schritt in Richtung Afrika.

    Wir haben Lunch im Elephant Café gebucht. Man kann sich hinfahren lassen. Oder mit dem Schnellboot über den Sambesi kommen.

    Wir nehmen das Boot.

    Und da geht es richtig zur Sache. Der Sambesi ist breit, aber nicht überall tief. Stromschnellen, Felsen, enge Passagen. Teilweise bleiben weniger als 30 Zentimeter Wasser unter dem Boot. Der Fahrer kennt seine Linie. Vollgas, kurz vom Gas, ein Haken, wieder Vollgas.

    Das macht richtig Spaß.

    Ich schaue zu Anne, eigentlich nicht so ihr Ding, hat am Ende ein breites Grinsen im Gesicht.

    Dann wird der Fluss wieder ruhig. Vor uns liegt eine Holzterrasse über dem Sambesi.

    The Elephant Café.

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    Es lebt hier eine kleine Herde geretteter Elefanten, die nicht mehr ausgewildert werden können. Wir lernen ihre Geschichten kennen, dürfen sie füttern, berühren und stehen ohne Autoscheibe zwischen uns vor diesen Giganten.

    Sie hören auf 36 Befehle. Ich stehe neben einem der großen Bullen und sage: „Go back.“

    Der Elefant geht drei Meter rückwärts.

    Einfach so.

    Tiere aus einer anderen Welt. Groß und sanft. Man möchte bleiben. Sich von ihnen zu entfernen fühlt sich fast wie ein Verlust an. Sie ziehen einen an wie ein Magnet.

    Dann kommt das Essen.

    Und das ist nicht einfach der luxuriöse Teil nach den Elefanten. Es ist ein Erlebnis für sich.

    African Fusion Food auf höchstem Niveau. Möhren-Ingwer-Suppe mit Musika-Sirup. Rinderfilet mit karamellisiertem Knoblauch, Rotwein und Thymianöl, dazu Mongu-Reis und Nzenzwe mit Pfefferblättern. Zum Dessert Granadilla-Eis auf einem Florentiner aus Mungongo-Nüssen.

    Fast alles kommt aus der Umgebung, von kleinen Farmen, Märkten und Dörfern. Afrikanische Zutaten, moderne Küche, perfekt angerichtet. Und exzellent.

    Wir sitzen auf der Terrasse über dem Sambesi, trinken Wein von KWV und lassen uns einen Gang nach dem anderen bringen. High End mitten im Busch.

    Billig ist dieser Tag natürlich nicht.

    Schnellboot, Elefanten, Fine Dining, Wein. Man kann auch in Sambia an einem einzigen Tag ziemlich viel Geld loswerden.

    Die nächsten Tage gehen wir campen.

    Das gleicht die Bilanz wieder etwas aus.

    Tag 3

    Heute schwimmen wir langsam in das andere Afrika.

    Nach dem Frühstück fahren wir noch einmal zum Einkaufen nach Livingstone. Es gibt Supermärkte und fast alles, was wir brauchen. Nicht mehr jede Marke aus Südafrika, aber für die Ausstattung des Campers völlig ausreichend. Das Fehlende wird aufgefüllt. Und weil wir jetzt zu zweit sind, etwas mehr von allem.

    Dann lösen wir uns aus dem Betrieb und fahren in den Mosi-oa-Tunya-Nationalpark am Nordufer des Sambesi.

    Afrika ist hier überall. Man muss es sehen und damit leben.

    Gestern Abend hat mir die Managerin der Lodge von der neuesten lokalen Tragödie erzählt. Ein Paar war abends von einer Kneipe zu Fuß zurück ins Dorf unterwegs und geriet in eine Elefantenfamilie. Der Mann wurde getötet. Sie sagt, so etwas passiere hier alle zwei, drei Monate.

    In den News erscheint es nicht.

    Wahrscheinlich wie bei uns, wenn sich wieder jemand vor einen Zug wirft.

    Mit diesen Gedanken fahren wir in den Park. Schon ein paar hundert Meter weiter stehen die ersten Dickhäuter mit ihren Babys.

    Alles ist friedlich und harmonisch.

    Wir halten Abstand und haben Zeit. Wir beobachten, wie die Kleinen angeleitet und gleichzeitig beschützt werden, in welcher Reihenfolge die Familie den Weg überquert und wie die Leitkuh den Weg zum Wasser bestimmt.

    Ein wunderbares Bild. Schwer auf Fotos festzuhalten.

    Überhaupt ist dieser schmale Streifen am Sambesi voll mit Leben. Impalas, Kudus, Zebras, Giraffen, Büffel, Warzenschweine. Vervet-Affen suchen im Elefantendung nach dem, was noch nahrhaft ist. Dazwischen Gefieder, überall.

    Ein wunderbarer Einstieg in das, was noch kommen wird.

    Am Ende des Parks gibt es einen Rastplatz direkt am Sambesi. Wir holen unser Lunch aus dem Auto und bleiben eine Weile am Wasser.

    Danach tauchen wir noch etwas tiefer ein.

    Der Park hat es etwas Besonderes.

    White Rhinos.

    Wir lassen uns ihre Geschichte erzählen und ungefähr erklären, wo sie sich gerade aufhalten. In ganz Sambia gibt es nur noch etwa 68 Nashörner. In den Achtzigerjahren sollen es einmal rund 10.000 gewesen sein. Elf leben hier.

    Es ist inzwischen meine dritte Begegnung mit Nashörnern auf dieser Reise. Namibia, Botswana und jetzt Sambia. Drei Länder, drei Begegnungen und immer wieder dieselbe Geschichte: Ohne Schutz wären sie wahrscheinlich nicht mehr da.

    Schutz bedeutet Bewachung und Tourismus, 24/7 werden die Tiere von Rangern bewacht. Paradoxerweise ist der Tourismus ihr bester Schutz gegen Wilderei.

    Wir lassen das Auto stehen und gehen mit den Rangern zu Fuß auf die Suche.

    Und werden fündig.

    Nach den Elefanten gestern ist die Nähe heute eine andere. Kein Füttern, kein Anfassen, keine 36 Befehle. Das hier ist ein wildes Tier.

    Ein dauernd nervöses Ungetüm aus einer anderen Welt.

    Wir bleiben stehen und beobachten.

    Morgen fahren wir in den Kafue-Nationalpark.

    Wir sind bereit.

  • 07  –  Im Herzen von Botswana

    07 – Im Herzen von Botswana

    Serowe, die Königsstadt

    Ich setze mit der Fähre über den Boteti. Danach geht es weiter nach Serowe, der ehemaligen Hauptstadt Botswanas. 

    Screenshot

    Wer sich mit der Geschichte Botswanas beschäftigen möchte, dem empfehle ich als Einstieg den Hollywood Film „A United Kingdom“. Er erzählt die wahre Geschichte von Seretse Khama, dem späteren ersten Präsidenten Botswanas, und seiner Frau Ruth Williams. Ein schwarzer afrikanischer König verliebt sich in den 1940er Jahren während seines Jura Studiums in London in eine weiße Engländerin. Die Apartheidregierung in Südafrika und die britische Regierung sind massiv gegen die Beziehung. Dass die beiden trotz aller Repressalien zusammenbleiben, stabilisiert die Geschichte Botswanas bis heute.

    Mit diesem Wissen im Hinterkopf besuche ich das Museum in Serowe, das ehemalige Wohnhaus der königlichen Familie. Ich bin an diesem Tag der einzige Besucher und habe das große Glück, einen Führer ganz für mich allein zu haben. Dadurch wird aus einem Museumsbesuch eher ein Gespräch über die Entstehung eines Landes.

    Wir fahren hinauf zu den Königsgräbern. Schon der Weg dorthin ist besonders. Die Landschaft wirkt weit, ruhig und zeitlos. Oben angekommen stehen wir vor der Grabstätte von Seretse Khama und seiner Frau Ruth. Die beiden liegen Seite an Seite auf einem Felsen über Serowe begraben.

    Die Stelle selbst darf nicht betreten werden, Fotos sind nicht erlaubt. Der Ort besitzt eine Würde und Ruhe und ich verstehe, warum dieser Platz für viele Menschen in Botswana eine so große Bedeutung hat.

    Es ist kein monumentales Grab, kein prunkvolles Denkmal. Es sind die Geschichte dahinter und die Lage auf diesem Hügel. Ein afrikanischer König und eine englische Frau, die auf  immer gegen Vorurteile  ankämpfen.

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    Khama Rhino Sanctuary

    Wie finde ich jetzt wieder den Einstieg in die Wildnis? Von hier aus geht es weiter nach Norden. Davor bleibe ich noch eine Nacht auf dem Campground des Khama Rhino Sanctuary.

    Das südliche Afrika kennt einige unrühmliche Kapitel, über die man nicht gerne spricht. Sklavenhandel, Kolonialzeit, der Wahnsinn des Elfenbeinhandels und zuletzt das Abschlachten der Rhinos für ihr Horn. Medizinischer Aberglaube.

    Im Schutzgebiet leben etwa 30 bis 40 Nashörner. Sie finden hier einen sicheren Rückzugsort. Das Sanctuary grenzt direkt an eine Militärbasis, die einen zusätzlichen Schutz nach außen bietet. Ohne solche Maßnahmen haben Nashörner in vielen Teilen Afrikas kaum noch eine Zukunft.

    Die Landschaft wird von den Monkogwa-Bäumen geprägt. Mit ihren breiten, schirmartigen Kronen stehen sie verstreut in der Ebene und spenden Schatten in der trockenen Hitze, alt und knorrig. Markante Silhouetten in der Landschaft.

    Es ist ein kleiner Mikrokosmos. 

    Ich entdecke Zebras, Kudus und einige Giraffen, die zwischen den Monkogwa-Bäumen ziehen. Alles sehr unaufgeregt.

    Dann sehe ich die ersten Nashörner. Groß und mächtig. Manche grasen, andere ruhen im Schatten. Aus der Nähe wirken sie noch beeindruckender. Jede Bewegung erscheint langsam und überlegt.

    Mit der sinkenden Sonne verändern sich die Farben. Das Gras leuchtet golden, die Schatten werden länger und die Landschaft wirkt noch weiter als zuvor. Mein Lager ist versteckt unter den Monkongwa-Bäumen. Ein Lagerfeuer wärmt mich auf angenehme Weise, die Glut hat meinen Potjie erwärmt. Es ist viel Musik in der Luft und ein sternenklarer Himmel darüber. 

    Ein kleines Ökosystems, das hier einen geschützten Platz gefunden hat.

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    Salz

    Mitten in der Nacht werde ich wach. Irgendetwas schlägt gegen das Auto.

    Elefanten gibt es hier nicht. Vielleicht ein Nashorn? Ich dämmere weiter. Dann wieder ein dumpfer Schlag. Erst hinter dem Auto, dann an der Seite.

    Vorsichtig öffne ich den Reißverschluss meines Dachzelts. Etwas Großes rennt davon. Kurz darauf kommt es zurück und beginnt, das Auto zu umrunden. Langsam werde ich neugierig.

    Ich warte, bis das Rumpeln erneut beginnt. Dann leuchte ich blitzartig nach draußen. Vor mir steht ein riesiger Kudubock. Genauer gesagt: Er hämmert mit Begeisterung gegen meinen Radkasten.

    Das Licht verscheucht ihn. Ich lege mich wieder hin und versuche einzuschlafen. Wenige Minuten später geht alles von vorne los. Mal hinten, mal vorne, mal an der Seite. Irgendwann ist es mir egal und ich schlafe ein.

    Am nächsten Morgen steige ich etwas besorgt aus und inspiziere das Auto. Überraschenderweise finde ich keine neuen Schäden. Dafür sind die Stoßstangen blitzblank geleckt. Der steinharte Dreck der letzten Wasserdurchfahrten ist restlos verschwunden.

    Offenbar hatte es der Kudu auf die Salzreste abgesehen.

    Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mehr davon mitgebracht.

    Screenshot

    In der zweiten Nacht wird mir die Sache endgültig klar. Diesmal schickt der Bulle seine Herde vorbei. Fünf Kudukühe verbringen einen guten Teil der Nacht damit, mein Auto gründlich zu bearbeiten. Den Reinigungsdienst kann ich mir sparen.

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    Elephant Sands lodge

    Dieses kleine Paradies nicht weit vom Highway ist mein nächste Übernachtung auf dem Weg nach Norden.

    Ich campe direkt neben dem Restaurant- und Barbereich. Vor mir liegt die Wasserstelle, das Zentrum der  Lodge. Den ganzen Tag über herrscht hier Betrieb. Die Elefanten kommen in kleinen Gruppen zum Trinken, ziehen wieder weiter und machen Platz für die Pferde der Lodge, die sich das Wasserloch mit ihnen teilen.

    Screenshot

    Oft stehen die Tiere nur wenige Meter entfernt. Es gibt keine Zäune, keine künstliche Kulisse.  Ich sitze an der Bar oder vor meinem Zelt, trinkt einen Kaffee oder ein Bier und beobachte das Treiben. 

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    Horse Riding

    In Elephant Sands wird ein Großteil der Rangerarbeit vom Pferderücken aus erledigt. Weniger Technik, mehr Natur. Man arbeitet nicht nur in der Landschaft, sondern mit ihr.

    Am Abend überrede ich Ronny beim Bier, mich am nächsten Morgen mitzunehmen.

    Wir treffen uns um sieben Uhr. Lange Hose, warme Jacke. Die Nächte sind inzwischen empfindlich kalt geworden. Man merkt deutlich, dass die Jahreszeit kippt.

    Über der Steppe liegt eine wunderbare Lichtstimmung. Die Sonne ist noch nicht stark genug, um die Kälte zu vertreiben, taucht die Landschaft aber bereits in warme Farben.

    Für mich als eher amateurhaften Reiter hat Ronny ein gutmütiges Pferd ausgesucht. Ein schwarzer Wallach, ruhig und zuverlässig. Er trägt mich sicher durch Büsche, Senken und über die sandigen Pfade.

    Screenshot

    Wir kommen an Wasserlöchern vorbei, die dank der Regenzeit noch gut gefüllt sind.

    Dann sehen wir die ersten Gerippe von Elefanten.

    Ronny erzählt, dass einige dieser Tiere während der Trockenzeiten der letzten Jahre gestorben sind. Wenn das Wasser knapp wird, entscheidet oft die Stärke. Schwächere Tiere werden von den Wasserlöchern verdrängt. Sie ziehen durch die Steppe auf der Suche nach den letzten Wasserstellen.

    Nicht alle finden sie.

    That is nature.

    Auch bei Elefanten.

    Die ersten lebenden Elefanten treffen wir aus dem Wind kommend. Sofort werden sie unruhig. Elefanten sehen überraschend schlecht und können uns zunächst nicht richtig einordnen.

    Wir umreiten sie und nähern uns gegen den Wind. Sofort entspannt sich die Situation.

    Eine Zeit lang folgen wir ihnen in respektvollem Abstand.

    Vom Pferderücken wirkt alles anders. Ruhiger. Direkter.

    Bevor die Sonne Kraft gewinnt und die Hitze zurückkehrt, reiten wir wieder ins Camp.

    Meine Einstellung zu Pferden?

    Das Gesamtpaket stimmt.

    Vom Pferderücken hat man einen völlig anderen Zugang zur Umgebung. Gleichzeitig fühlt es sich an wie ein Bush Walk. Man ist mitten in der Natur, bewegt sich aber leise und selbstverständlich durch sie.

    Besonders beeindruckt mich die Gelassenheit der Pferde. Sie gehen ohne Zögern hinaus in die Wildnis. Dorthin, wo Elefanten, Löwen und Büffel leben. Nicht furchtlos, aber selbstverständlich.

    Gleichzeitig reagieren sie auf jede kleine Hilfestellung. Sie erkennen Bodenlöcher, unwegsame Stellen oder Situationen oft früher als ihr Reiter.

    Meine Sicht auf Pferde verändert sich an diesem Morgen ein wenig.

    Mitten im Busch Botswanas, haben Pferde eine neue Aufgabe gefunden. Keine Sportgeräte, keine Freizeitbeschäftigung. Sondern Partner. Interessant.

    —————

    Kein Regen mehr im Norden

    Am folgenden Tag geht die Reise weiter nach Norden, nach Kasane am Ufer des Chobe. Hier verläuft die Trans-Africa-Route, und von hier aus möchte ich über die neue Kazungula-Brücke nach Sambia weiterfahren. 

     Kasane ist für mich auch die letzte Station von Bushlore. 10.000-Kilometer-Inspektion. Kleinigkeiten werden repariert, die Vorderreifen mit den Hinterreifen getauscht und die durch Flugsand blind gewordene Frontscheibe ersetzt.

    Dazu kommt das übliche Programm: Diesel tanken, den Wassertank auffüllen.

    Nach den vergangenen Wochen wirkt die Inspektion fast wie ein Boxenstopp. Nicht nur das Auto hat viele Kilometer hinter sich, sondern auch ich. Espresso!

    Geplant habe ich hier fünf Tage. In sieben Tagen wird Anne in Livingstone landen.

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    Nicht gegen Luxus sondern für Freiheit 

    Aus sieben Tagen werden 14 Tage. Anne hat sich kurz vor ihrer Abreise eine Grippe eingefangen. Ihr Flug verschiebt sich um eine Woche. Das gibt mir Zeit bis zur Einreise nach Sambia.

    Ich spiele mit dem Gedanken, einen Fotokurs im Pangolin Hotel zu buchen. Wahrscheinlich der spektakulärste Safari-Fotokurs auf dem Planeten. Aber verdammt teuer. Eine Woche kostet rund 6.000 Euro. Dazu feste Termine. Also lasse ich es. Mein Fotolehrer heißt momentan ChatGPT. Und ich bilde mir ein, von Tag zu Tag Fortschritte zu machen.

    Es gibt einen Grund, warum das Pangolin Hotel ausgerechnet in Kasane steht. Von hier aus geht es am Chobe nach Westen. Massen-Tiersichtungen sind an der Tagesordnung. Im Umkreis von 300 Kilometern sind bestimmt 1.000 Safariunternehmen unterwegs. Morning Drive, Night Drive, Boot-Safari. Um fünf Uhr klopft der Guide an die Tür des 1.000-Euro-Chalets. Am Abend bringt er seine Gäste nach dem Dinner zurück. Nachts darf niemand sein Chalet verlassen. Nach drei Tagen fliegt man ins nächste Luxuscamp. Anderer Ort, anderes Land.

    Ich fahre die gleichen Strecken. Nur langsamer. Ich bleibe dort, wo es mir gefällt, übernachte im Auto direkt am Fluss und entzünde wie immer mein eigenes Feuer.

    Eine Nacht verbringe ich dann doch in einer dieser Lodges – dem Chobe Elephant Camp. Heiko vom Boteti hat mich eingeladen. So bekomme ich einen Blick hinter die Kulissen. Ich sehe die Photovoltaikanlage, die Wassergewinnung und -aufbereitung sowie das kleine Angestelltendorf. Ein erstaunlicher Aufwand für gerade einmal 15 Gäste. So versteht Botswana seinen Tourismus: High Price – Low Impact. Gut für das Land, schlecht für den Otto Normalverbraucher.

    Ich fahre so weit nach Westen, bis die Straßen nicht mehr weiterführen und die Wasserlöcher zu tief werden. Ab  Savuti ist Dead-End. Eigentlich ein wunderschöner Park mit, vielen Tieren, markanten Felszügen und uralten Felszeichnungen. Wäre da nicht der Rückweg. 140 Kilometer „bumpy deepsand“ machen einfach niemandem Spaß. Am Ende bin ich froh, dass es jetzt nach Sambia geht.

    —————————————————————————————————————

    Randgeschichten

    Botswana besteht nicht nur aus Pirschfahrten, Lagerfeuern und spektakulären Tierbeobachtungen. Dazwischen liegen unzählige kleine Begegnungen. Geschichten, die leicht untergehen und trotzdem dazugehören.

    Da ist die Schweizer Familie, mit der ich mir in Savuti eine Campsite teile. Abends spielen wir bis tief in die Nacht völlig alberne Kinderspiele und lachen Tränen.

    Da ist der Koch der Thobolos Lodge. Seit sechs Jahren steht der Pizzaofen unbenutzt herum. Gemeinsam bringen wir ihn wieder zum Leben. Die erste Pizza schmeckt hervorragend.

    Da ist Stephen, der mit dem Fahrrad von Kapstadt bis hierher gefahren ist. Tausende Kilometer gegen Wind, Hitze und Einsamkeit.

    Und da sind die modernen Cowboys Botswanas. Sie treiben ihre Rinder noch immer zu Pferd durch das Buschland. Kein romantisches Schauspiel, sondern harte Arbeit. So wie seit Generationen.

  • 06 – Botsuana, zwischen Salz und Wasser

    06 – Botsuana, zwischen Salz und Wasser

    Nxai Pan

    Es ist Ende März.

    Vierzig Kilometer Tiefsand. Mindestens vierzig km/h.  High 4.

    Keep in motion, sagen die Australier.

    Das Auto fährt sich wie ein Schnellboot.

    Auf halber Strecke zweigt die Piste zu Baines Baobabs ab. Diese weltberühmten, gigantischen Urzeitbäume im Kontrast zur endlosen, weißen Salzebene. 

    Zurzeit leider ein No-Go. Denn completely overflooded.

    Sehr schade!

    Die Straße endet am Game Scout Camp. Bei der Einfahrt muss ich mich gedulden, bis ein Elefantenbulle von seinem Baum ablässt und ein paar Meter weiterzieht.

    Für heute Nacht ist noch genau ein Campsite frei. Danach ist alles ausgebucht. Zehn Campsites in einem Gebiet von der Größe des Saarlands.

    Mal sehen.

    Das Camp liegt unter den letzten Baumreihen. Dahinter öffnet sich die Weite der Pfanne.

    Die Ablutions sind hervorragend ausgestattet und gesichert wie Fort Knox. Hohe Zäune, Stacheldraht und am Boden Betonspikes gegen Elefanten.

    Damit hätte ich hier nicht gerechnet.

    Andererseits ist es logisch.

    Elefanten sind hier Dauerpräsenz, Löwen auch.

    Mein Nachbar fährt einen Unimog. An den hat sich versuchweise ein Elefant zum Schlafen angelehnt.

    Alles andere ist Wildnis.

    Es fühlt sich hier anders an als in der Central Kalahari.

    Dort kam ich mir wie ein Eindringling vor. Hier eher wie Eingeladen.

    Ich entzünde ein Lagerfeuer. Der Abend ist tiefblau.

    Nach Sonnenuntergang möchte ich noch eine Weile draußen sitzen.

    Die Hyänenrufe kommen aus unangenehmer Nähe. Das Feuer bekommt deshalb ausreichend Nahrung.

    Die Fahrzeuge stehen weit genug auseinander, dass Elefanten problemlos dazwischen hindurchschleichen können.

    Am nächsten Morgen auf der Pirsch sehe ich sie endlich.

    Die Herden. Große Herden.

    Springbok Soup. Ich fahre mitten hinein.

    Überall Bewegung. Tiere ziehen durch das Gras, kreuzen die Piste, verschwinden und tauchen wieder auf. Das Auge kann kaum erfassen, wie viele es tatsächlich sind.

    Genau deswegen bin ich hierhergekommen. Der Ranger in der Central Kalahari hatte recht.

    Die Herden sind nach Norden gezogen.

    ————

    Lagerfeuer

    Abends sitzen wir gemeinsam am Lagerfeuer. Es gibt Toast-Sandwiches und leckeres Grillfleisch. Der Salat ist einfach: Gurken, Tomaten und Oliven. Dirk ist Anwalt in Stellenbosch und hat von dort guten Wein mitgebracht. Er ist mit seinem Sohn in einem Unimog unterwegs. Es ist ihre letzte Vater-Sohn-Tour, bevor am Jahresende die Hochzeit ansteht.

    Das jüngere kanadische Pärchen lebt seit vielen Jahren in Hongkong. Wir tauschen Erfahrungen aus und erzählen Geschichten. Wer sich am Ende der Welt trifft, hat meist zu viele Gemeinsamkeiten, um sie nicht miteinander zu teilen.

    —————

    Ok, schon wieder Löwen

    Wir lassen das Lagerfeuer langsam herunterbrennen, und die Kanadier ziehen sich zurück. Plötzlich ein Schrei:

    „Löwen im Camp!“

    Wildes Herumleuchten am Auto der Kanadier. Wir springen auf. Um uns herum komplette Dunkelheit.

    Ich klettere mit dem Sohn auf das Dach des Unimogs, um besser sehen zu können. Der Vater legt neues Holz ins Feuer. In unserem Taschenlampenlicht erkennen wir zwei Löwen, die hinter dem Auto der Kanadier vorbeiziehen. Der Kanadier steht auf der anderen Seite seines Fahrzeugs und kann sie nicht sehen.

    „Sofort ins Auto!“, rufe ich vom Dach herunter.

    Er versteht sofort. Ohne nachzufragen verschwindet er im Wagen.

    Mit den Lampen verfolgen wir die Tiere, sehen sie an den Fahrzeugen vorbeiziehen und schließlich wieder in den Büschen verschwinden. Von dort aus beobachten wir, wie sie über die offene Pfanne weiterziehen. Sie sind nur auf der Durchreise zu dem, was Löwen nachts eben so treiben.

    Die Kanadierin zittert noch immer. Beim Zähneputzen hatte sie auf der anderen Seite des Autos Augen in den Büschen gesehen, vielleicht fünf Meter entfernt. Diese Augen seien langsam immer höher gewandert, bis schließlich ein Löwe aus dem Gebüsch trat. Erst in diesem Moment habe sie begriffen, was sie da eigentlich vor sich hatte.

    Es gibt einen Schluck Brandy.

    Vor drei Wochen hatte sie sich von ihren Freundinnen in Hongkong verabschiedet. Die hatten sich Sorgen gemacht wegen Löwen, die nachts durchs Camp spazieren. Sie hatte natürlich gelacht und erklärt, so etwas gebe es nicht. Das passiere nur in Büchern. Alles sei völlig sicher.

    Diese Geschichte wird sie künftig etwas anders erzählen.

    ————

    Freunde

    Am nächsten Morgen fahren die Kanadier weiter – um eine Erfahrung reicher.

    Die Südafrikaner nehmen mich herzlich auf ihrer Campsite auf. Eigentlich hätte das gar nicht sein müssen, aber die Fahrzeuge, die dort stehen sollten, sind irgendwo im Schlamm stecken geblieben.

    Wir verbringen wunderbare Tage und Abende zusammen. Oft fahren wir gemeinsam auf Pirsch. Wir beobachten große Herden von Zebras und Giraffen, sehen einsame Elefanten durch die Weite ziehen, von Baum zu Baum wandernd und fressend.

    Abends sitzen wir auf den Autodächern am Wasserloch, trinken südafrikanischen Wein und ich lege türkische Lounge-Musik auf.

    An einem der letzten Abende wird mir eine Frage gestellt, die mich noch lange beschäftigen wird:

    „Bist du eigentlich ein typischer Deutscher?“

    Ja? Nein?

    Wir setzen unsere Reise schließlich in unterschiedliche Richtungen fort. Beim Abschied wissen wir beide Seiten, dass wir uns wiedersehen werden. Wenn nicht unterwegs, dann irgendwann in Kapstadt.

    Denn mein Weg führt weiter zu den Baobabs.

    —————

    Baines Baobabs

    Ein Muss auf jeder Botswana-Bucket-List, wie man heute sagt.

    Seit einer Woche hat es nicht mehr geregnet. Die Bedingungen müssen einfach besser sein. Also verlasse ich die Tiefsandrallye auf halber Strecke und fahre nach Osten zu den Salzpfannen und den berühmten Baobabs.

    Als ich an die erste Wasserdurchfahrt komme, sinkt mein Mut allerdings etwas. Gut 80 bis 100 Meter Wasser liegen zwischen mir und dem anderen Ufer, und die Bäume sind noch lange nicht in Sicht.

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    An der Wasserkante entdecke ich die Spuren großbereifter Allradfahrzeuge. Sie sind bis hierher gefahren, haben sich die Sache angesehen und sind wieder umgedreht.

    Na danke.

    Ich stärke mich mit ein paar Keksen und gehe zu Fuß los. Schuhe aus, Hosenbeine hochgekrempelt bis zur Mitte der Oberschenkel – das ist meine Benchmark.

    Das Wasser ist klar und salzig. Der Grund gut sichtbar. Die ersten Zentimeter fühlen sich weich an, darunter wird es fest. Auf der anderen Seite angekommen stelle ich fest: Das Wasser ist nirgendwo tiefer als siebzig Zentimeter, der Untergrund durchgehend hart und überhaupt nicht schlammig.

    Also: high4 rein und los.

    Der Grip ist überraschend gut. Vor dem Auto schiebt sich eine saubere Bugwelle her. Auf halber Strecke fällt mir auf, dass ich die Seitenfenster nicht geschlossen habe. Halb so schlimm.

    Am anderen Ufer angekommen ist kein Tropfen Wasser eingedrungen.

    Gut so. Weiter.

    Vor der nächsten Tiefschlammpassage hatten mich die Südafrikaner gewarnt. Hier hatten sie ihren Unimog versenkt und einen halben Tag gebraucht, um ihn wieder herauszubekommen. Danach waren sie zu Fuß weitergegangen bis zu den Baobabs.

    Also kann es nicht mehr weit sein.

    Ich steige aus. Durch diesen Schlamm werde ich sicher nicht zu Fuß laufen. Stattdessen entdecke ich frische Löwenspuren, die in Richtung der Bäume führen. Wahrscheinlich von gestern Abend. Vielleicht sind die Tiere sogar noch dort.

    In diesem Moment kommt ein Ranger-Fahrzeug angefahren. Einer dieser hochbeinigen Land Cruiser, die einfach nicht totzukriegen sind.

    Die Ranger wollen nachsehen, wie weit die Strecke inzwischen wieder befahrbar ist.

    Wir beschließen, es gemeinsam zu versuchen.

    Ich löse sicherheitshalber das Seil meiner Winde und warte. Die Ranger suchen sich eine gute Linie und pflügen rodeoartig durch den Schlamm. Auf der anderen Seite bleiben sie stehen.

    Jetzt bin ich dran.

    Diesmal ist Geschwindigkeit gefragt. Mein Fahrzeug wiegt über drei Tonnen. Das Auto springt und schüttelt sich gewaltig, arbeitet sich aber Meter für Meter durch den Morast.

    Dann bin ich durch.

    Super.

    Von dort geht es auf einem leicht erhöhten Damm weiter Richtung Baobabs. Je näher wir kommen, desto spektakulärer wirken diese Riesen. Mitten im Wasser stehen sie auf ihrer kleinen Insel, als wären sie dort absichtlich platziert worden.

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    Die ersten Fahrzeuge des Jahres.

    Wir parken direkt vor den Bäumen.

    Und dann wird mir etwas bewusst.

    Ich sitze hier unter Bäumen, die sich seit mindestens dreihundert Jahren kaum verändert haben.

    Die Zeit scheint stillzustehen.

    Das viele klare Wasser macht die Szenerie noch surrealer. Im blassen Blau spiegeln sich Wolken, Vögel, Sonne und die gewaltigen Baumkronen.

    Alles wirkt gleichzeitig vollkommen ruhig und völlig unwirklich.

    Heftig.

    Bucket List hin oder her – allein dafür hat sich der Weg gelohnt.

    Viel cooler als Löwen im Camp.

    Eigentlich hatte ich vor, hier zu übernachten. Dafür hätte ich allerdings allein zurückfahren müssen.

    Ich komme wieder.

    Die Rückfahrt verläuft genauso wie die Hinfahrt. Danach sieht das Auto wieder aus wie Sau.

    Die Fahrt zurück zur Hauptstraße fühlt sich dagegen fast wie ein Spaziergang an. Die Nacht in der Leopard’s Lodge schließlich wie das reinste Schlaraffenland.

    Bevor ich schlafen gehe, spritze ich noch die Radlager und Bremsen aus. Mit der Mischung aus Salzwasser und Schlamm könnte man hier Häuser bauen.

    —————

    Wohin?

    Die Entscheidung für die nächsten Tage ist nicht einfach.

    An der Nordgrenze Botswanas regnet es immer noch kräftig. Die weltberühmten Makgadikgadi-Pfannen stehen voller Wasser und sind unpassierbar. Eigentlich wollte ich dorthin.

    Also erneut umplanen.

    Screenshot

    Ich werde wieder nach Süden fahren und die Pfannen großräumig von Westen  umrunden. Das Land hat ohnehin weit mehr zu bieten als die Punkte auf irgendeiner Bucket List.

    ⸻

    Boteti

    Westlich der Pfannen meandert der Boteti nach Süden. Zum ersten Mal seit vier Jahren führt er wieder Wasser, und die gesamte Tierwelt scheint das zu feiern.

    Auf der Ostseite des Flusses liegt ein bekanntes Camp. Es befindet sich an der einzigen Stelle weit und breit, an der bei hohem Wasserstand eine kleine Fähre eingesetzt werden kann.

    Ich nehme den direkten Weg von der Hauptstraße und fahre etwa sechzig Kilometer quer durchs Buschland. Die Strecke ist meist sandig, aber gut zu fahren.

    Elephant highway

    Je näher ich dem Fluss komme, desto mehr Elefantenspuren kreuzen meinen Weg. Manche verlaufen parallel zur Piste, andere schneiden sie immer wieder. Hier ist offensichtlich viel Bewegung.

    Ich nehme den Fuß etwas vom Gas.

    Dann erreiche ich die Abbruchkante.

    Vor mir öffnet sich eine völlig andere Welt.

    Der Boteti zieht in weiten Schleifen durch die Landschaft, teilt sich in Nebenarme und glitzert in der Sonne. Auf den Sandbänken liegen Flusspferde.

    Okay.

    Jetzt weiß ich, warum dieser Abschnitt Hippo Pools heißt.

    Die steilen Böschungen finden sich nur in den Außenkurven. Dazwischen laufen die Ufer sanft zum Wasser hinunter. Auf den saftig grünen Wiesen grasen Elefanten. Direkt am Ufer liegt ein Krokodil und sonnt sich mit weit geöffnetem Maul.

    Das Camp muss warten.

    Ich fahre mitten hinein in dieses Gewimmel.

    Später sitze ich auf meinem Autodach, esse mein Lunch und lasse den Blick schweifen.

    Überall Leben.

    Flusspferde im Wasser, Elefanten auf den Wiesen, Vögel in der Luft.

    Für einen Moment muss ich an die Arche Noah denken.

    Alles scheint hier versammelt zu sein. Und erstaunlicherweise wirkt alles friedlich.

    Eine seltene Momentaufnahme.

    ⸻

    Khumaga

    Das berühmte Khumaga Camp ist fast leer.

    Kein Problem, einen Platz zu bekommen.

    In den vergangenen zwei Wochen ist der Fluss deutlich angeschwollen. Fahrzeuge können ihn nur noch mit erheblichem Risiko durchqueren. Die Fähre ist seit vier Jahren außer Betrieb.

    Perfekt, dass ich von Osten gekommen bin.

    Ich richte mich auf meiner Campsite ein und genieße die Ruhe. Nach den vielen Kilometern fühlt sich dieser Platz genau richtig an.

    ⸻

    Ferryboat

    Ein Problem gibt es allerdings. Es gibt kein Feuerholz.

    Also fahre ich zur Fähranlegestelle. Vielleicht kann ich durch den Fluss waten und im nächsten Dorf Holz besorgen.

    Auf beiden Uferseiten stehen Fahrzeuge und warten.

    Gerade versucht ein offener Safari-Land-Cruiser den Fluss zu durchqueren. Die Bugwelle schwappt deutlich über die Motorhaube, aber er schafft es. Als er das andere Ufer erreicht, läuft das Wasser an allen Ecken wieder heraus.

    Die Touristen auf den erhöhten Rücksitzen sind trocken geblieben.

    Nichts für mein Auto.

    Auf der anderen Seite der Fähre wird gearbeitet. Eine Flex kreischt, Metall wird gehämmert.

    Offenbar soll die Fähre heute oder morgen wieder in Betrieb gehen.

    Das Feuerholz liegt auf der anderen Seite.

    Also wate ich durch den Fluss.

    Dort treffe ich Heiko.

    Einer dieser Afrikaner, deren Lebenslauf vermutlich mehrere Bücher füllen würde. Wir unterhalten uns auf Englisch, Afrikaans und zwischendurch sogar auf Deutsch.

    Im alten Overall, völlig durchnässt und mit ölverschmierten Händen, arbeitet er an der Fähre.

    „Wenn man nicht selbst mit anpackt, dauert das hier noch Wochen“, meint er.

    Also packe ich mit an.

    Er schweißt, ich schraube.

    Viel fehlt nicht mehr.

    Anschließend ziehen wir gemeinsam das Zugseil durch den Fluss, spannen es und befestigen es auf beiden Seiten. Über dieses Seil wird die Fähre später von Ufer zu Ufer bewegt.

    Dann kommt der Moment der Wahrheit.

    Wir wollen ausprobieren, ob alles funktioniert.

    Im ersten Fahrzeug sitzt eine Australierin, die sich jedes Jahr durch Afrika chauffieren lässt. Sie möchte ebenfalls ins Camp.

    Als ihr Guide erfährt, dass es dort kein Feuerholz gibt, wird er leicht nervös.

    Ich erkläre ihm, dass man im Dorf problemlos Holz bekommt.

    Dafür verspricht er, mir welches mitzubringen.

    Der Wasserstand ist noch zu hoch, um trocken auf die Fähre zu gelangen. Die Fahrzeuge müssen zunächst einige Meter durch den Fluss fahren, über eine Rampe auf die Fähre, mehrere Meter hinüberziehen und auf der anderen Seite wieder ins Wasser zum anderen Ufer.

    Für den Landrover kein Problem.

    Die erste Überfahrt gelingt.

    Das Dorf freut sich. Der Beruf des Fährmanns genießt ein hohes Ansehen.

    Später trinken Heiko und ich einen Kaffee aus meiner Bordküche. Wir reden über unsere unterschiedlichen Lebenswege, tauschen WhatsApp-Kontakte aus und gehen schließlich wieder unserer Wege.

    Er wohnt in Maun, besitzt mehrere Lodges in Botswana und ein Reiseunternehmen. Seine Erfahrung wird mir später noch oft helfen.

    Uns hat buchstäblich eine Fähre zusammengeschweißt.

    Mit meinem Feuerholz fahre ich zurück ins Camp.

    —————

    Campsite

    Eine Campsite bedeutet zunächst einmal nur einen zugewiesenen Platz.

    In meinem Fall liegt er unter einem Mopane-Baum, der zumindest etwas Schatten spendet. Dazu gibt es eine Feuerstelle. Der Ablution Block befindet sich in der Mitte von fünf Stellplätzen, die jeweils ungefähr hundert Meter voneinander entfernt liegen.

    Genug Abstand also, um das Gefühl zu haben, allein in der Wildnis zu sein.

    Elefanten sind allgegenwärtig. Die meisten ziehen friedlich durch das Camp und kümmern sich nicht weiter um die Menschen.

    Die eigentlichen Nervensägen sind die Paviane.

    Alles, was irgendwie essbar aussieht, wird untersucht, gestohlen oder zerstört. Oft alles gleichzeitig.

    Einmal haben sie meine Kaffeedose erwischt. Doppelt gesichert, in einer Tupperdose verstaut. Hochwertiger Kaffee aus einer kleinen Rösterei in Windhoek, auf Kameldornholz geröstet.

    Ich war nicht bereit, kampflos aufzugeben.

    Der Pavian macht den Fehler, sich mit seiner Beute auf einen freistehenden Baum zurückzuziehen.

    Ich renne fluchend hinterher und werfe alles nach ihm, was ich finden kann.

    Irgendwann verliert er die Lust und lässt die Dose fallen.

    Nur eine der Verschlusskappen hat er bereits angeknabbert.

    Die Paviane gewinnen meistens, nicht immer.

    Der Kaffee ich schmeckt danach noch mal deutlich besser.

    ⸻——

    Hippo Pools

    Die Fahrt zu den Flussufern ist entspannt.

    An vielen Stellen kann man die Böschungen in high4 problemlos hinunterfahren und später wieder hinauf. Unten gibt es genügend festen Untergrund und bereits ausgefahrene Spuren.

    Immer wieder muss ich warten, bis Elefanten den Weg freigeben.

    Manche ziehen gemächlich vorbei und würdigen mich keines Blickes. Andere machen deutlich, dass sie lieber mehr Abstand hätten – ein junger Bulle mit schlechter Laune, oder eine Herde unterwegs mit Babys.

    Dann sitze ich wieder in meinem Auto, mitten in einer Welt, die eigentlich den Tieren gehört.

    Wenn ich mich einmal um dreihundertsechzig Grad drehe, sehe ich sie überall.

    Elefanten.

    Impalas.

    Zebras.

    Kudus.

    Büffel.

    Flusspferde.

    Ein Krokodil, das bewegungslos am Ufer liegt und döst.

    Und als wäre das alles noch nicht genug, mitten in dieser Szenerie ein Löwenpaar.

    Keine dreißig Meter vom Auto entfernt.

    An Jagd ist allerdings nicht zu denken.

    Die beiden haben andere Prioritäten.

    Seit Stunden sind sie mit der Paarung beschäftigt und nehmen von ihrer Umgebung kaum Notiz.

    So sitze ich einfach da und beobachte.

    Das Tierreich hat mir eine Momentaufnahme geschenkt, die ich nie vergessen werde.

    ⸻——

    Unimog

    Am nächsten Tag taucht Dirk mit seinem Unimog auf.

    Von der falschen Seite des Flusses. Meine WhatsApp-Bilder haben aber ihren Zweck erfüllt.

    Inzwischen ist der Boteti weiter angeschwollen. Die meisten Safari-Fahrzeuge können den Fluss nicht mehr durchqueren. Zum Glück gibt es für sie wieder die Fähre.

    Ein kleines Problem für den Unimog, er wiegt sechs Tonnen. Zu viel für die arme Fähre.

    Wir räumen vorsichtshalber die Radlagerbehälter aus und kontrollieren die Türdichtungen. Danach fährt Dirk neben der Fähre direkt durch den Fluss.

    Was für ein Ungetüm.

    Zeitweise steht das Wasser bis an die Türen.

    Der Mog schiebt sich trotzdem unbeirrt hindurch.

    Auf der anderen Seite wird alles trockengelegt und überprüft.

    Keine Schäden.

    Keine Überraschungen.

    Danach knüpfen wir genau dort wieder an, wo wir uns einige Tage zuvor verabschiedet hatten.

    Es folgen weitere starke Tage. Gemeinsame Pirschfahrten. Lange Abende am Lagerfeuer.

    Geschichten, die mit jedem Glas Wein etwas besser werden.

    Und immer wieder diese Landschaft — wie ein Smiley.

  • 05 – Zentralkalahari

    05 – Zentralkalahari

    Zentralkalahari

    Seit zehn Tagen hat es im Inneren Botswanas nicht mehr geregnet. Dort draußen, wo die Central Kalahari beginnt.

    Das Gras wird hoch sein, aber die Wege sollten inzwischen wieder passierbar sein.

    Diesel ist aufgefüllt. Wasser ausreichend vorhanden. Der Kühlschrank für mindestens eine Woche bestückt.

    Also geht es los.

    Durch die Wildnis, in der „Cry of the Kalahari“ entstanden ist.

    Direkt von Ghanzi in den Park zu fahren wäre zu einfach gewesen. Dann hätte ich bei Problemen gleich wieder zurück in die Werkstatt fahren können.

    Also nehme ich den Umweg entlang des nördlichen Grenzzauns bis zum Tau Gate. Die Strecke wird auch von den Rangern genutzt.

    Vierzig Kilometer einspurig. Links dauerhaft der Zaun. Rechts hohes Gras.

    Nicht besonders spannend, aber gut fahrbar.

    Die Wasserlöcher sind weitgehend abgetrocknet, der Untergrund bietet ordentlich Grip.

    Ich erreiche das Gate in der Abendsonne.

    Der Wolkenzug über der Ebene ist gigantisch.

    Für die Weiterfahrt in den Park ist es längst zu spät.

    Das Gate wirkt halb verlassen. Das Gras steht meterhoch. Die beiden Elefanten gegenüber fallen darin kaum auf.

    Ich bin der einzige Besucher.

    Heute bleibt es bei Gemüsesuppe und einer Nacht am Gate.

    ——

    Die Weiterfahrt erzählt ihre eigene Geschichte.

    Abschnitte mit gut befahrbaren Wegen wechseln sich mit komplett eingewachsenen Buschpisten ab. Teilweise passabel. Teilweise unerquicklich.

    Das Gras ist einfach zu hoch.

    Tiere sehe ich trotzdem genug.

    Immer wieder verbringe ich Zeit an offenen Wasserlöchern. Wildgänse, Geier und Schakale teilen sich die Bühne. Im Hintergrund zieht eine Herde Oryx vorbei.

    Kaum ist das Schauspiel vorbei, beginnt wieder die Arbeit auf den Pisten.

    Bereits nach dem ersten Tag ist das Auto komplett mit Schlamm verschmiert.

    Ich verbrauche mehr Brauchwasser zum Reinigen der Scheiben als geplant.

    Nun gut.

    Der Tank ist voll.

    Der mir zugewiesene Campspot ist komplett zugewachsen.

    Hier hat seit über einem Jahr niemand mehr gestanden.

    Nicht einmal die Türen lassen sich vernünftig öffnen.

    In dieser Gegend ist mir das zu ungemütlich.

    Zu gefährlich.

    Also fahre ich weiter.

    Durch Schlamm, durch Busch und in der Hoffnung, dass einer der wenigen alternativen Plätze noch frei ist.

    Unterwegs treffe ich ein südafrikanisches Ehepaar.

    Sie stecken im Schlamm fest.

    Nicht weil das Auto festgefahren wäre, sondern weil der Anlasser aufgegeben hat.

    Also keine Bergung.

    Nur Starthilfe.

    Danach teilen wir uns ihren Campsite.

    Wir sind früh dran. Waschen den Schlamm von den Autos. Trinken einen Sundowner. Schauen über die Pfanne.

    Später gibt es das übliche Braai und ein selbst gebackenes Brot direkt aus der Glut.

    Am nächsten Morgen verabschieden wir uns herzlich.

    Sie fahren aus dem Park.

    Ohne funktionierenden Anlasser ist das Abenteuer irgendwann keines mehr.

    Ich übernehme ihren Platz.

    Für die nächsten zwei Tage gehört mir die Sunday Pan allein.

    Vor zwei Wochen stand hier noch Wasser.

    Jetzt wagen sich die ersten Antilopen wieder auf die Oberfläche hinaus.

    Der Kreislauf beginnt von vorn.

    Danach verlasse ich den Park Richtung Osten.

    Es gibt mir hier zu wenig Leben.

    Zu viel Busch.

    Zu wenig Sicht.

    Ich spreche lange mit verschiedenen Rangern.

    Die Informationen sind spärlich.

    Einer erwähnt beiläufig, dass sich die großen Zebraherden nach Norden bewegt hätten.

    Das klingt logisch.

    Dort oben ist es früher trocken geworden.

    Also richte ich den Kompass neu aus.

    Der Shortcut bringt mich zurück auf die große Ost-West-Verbindung im Norden Botswanas.

    Teerstraße.

    Der Tank ist allerdings nicht voll genug für die nördlichen Pfannen.

    —————

    Maun

    Ich beschließe, noch einmal nach Westen zu fahren.

    Nach Maun.

    Von hier aus gerade einmal eine Stunde.

    Dort gibt es eine Niederlassung von Bushlore.

    Außerdem möchte ich das Auto ohnehin einmal komplett durchsehen lassen.

    Und reinigen.

    Bei Bushlore werde ich mit großem Hallo empfangen.

    Zwei Fahrer aus Windhoek sind ebenfalls vor Ort.

    Brendan erzählt mir lachend, dass sie vor einer halben Stunde noch über mein Auto diskutiert hätten, als ich ihnen plötzlich entgegenkam.

    Meine Karre scheint Eindruck zu hinterlassen.

    Das Auto bekommt eine Grundreinigung.

    Aus dem Kühlerfilter holen sie fast zwei Kilogramm Grassamen heraus.

    Danach übernachte ich in der Nähe der Okavango Craft Brewery.

    Es gibt viel zu erzählen.

    Brendan verspricht, später im Jahr regelmäßig meine namibische SIM-Karte aufzuladen.

    Praktische Freundschaften sind in Afrika viel wert.

    Maun wirkt jung.

    Fast ein wenig wie eine Goldgräberstadt.

    Die Stadt ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. Neue Einkaufszentren, neue Hotels, neue Menschen.

    Das Tor zum Okavango.

    Jeden Morgen starten hier gegen sechs Uhr rund siebzig Flugzeuge zu Rundflügen über das Delta.

    Eine leichte Hektik.

    Afrikanische Hektik.

    Erfrischend.

    Ich tanke auf.

    Dann geht es weiter zu den Nxai Pans.

    Dort sollen die Herden sein.

  • 04 – Botsuanas Westen

    04 – Botsuanas Westen

    Wenn die Regenzeit alles verändert

    Wer in diesen Monaten durch Botswana reist, merkt schnell: Dieses Jahr ist anders.

    Deswegen mache ich mich entgegen der ursprünglichen Planung in den Südwesten auf. Kgalagadi Transfrontier Park. Dort zeigt sich die Regenzeit noch von ihrer klassischen Seite. Grün, lebendig, weich gespülte Pisten, Wasser in den Senken — aber insgesamt noch gut bereisbar. Genau so, wie man es für diese Jahreszeit erwartet.

    Doch je weiter man nach Norden und Osten kommt, desto mehr kippt das Bild.

    Dieses Jahr hat es in weiten Teilen außergewöhnlich viel geregnet. Selbst Einheimische sagen, sie hätten so etwas seit Jahren nicht erlebt. Straßen stehen unter Wasser, Pisten sind aufgeweicht oder komplett verschwunden, und Regionen, die sonst trocken und staubig sind, wirken plötzlich wie überschwemmte Landschaften.

    Besonders auffällig ist die Situation rund um das Okavango-Delta, Moremi und die Makgadikgadi-Salzpfannen. Vieles ist momentan gar nicht zugänglich. Die Pfannen, sonst trocken und hart wie Beton, haben sich in flache Seen verwandelt. Die Weite bleibt dieselbe. Nur trägt sie jetzt Wasser.

    Das eigentlich Erstaunliche daran:

    Das große Wasser ist noch gar nicht da.

    Normalerweise kommt die Hauptflut des Okavango erst Monate später aus Angola. Dieses Wasser überschwemmt jedes Jahr zeitversetzt das Delta. Doch 2026 ist die Situation anders. Die lokalen Regenfälle allein haben das Land bereits so gesättigt, dass große Teile jetzt schon unter Wasser stehen.

    Botswana erlebt gerade eine Art Vorlauf-Flut.

    Und viele rechnen damit, dass das eigentliche große Wasser erst noch kommt.

    Für Selbstfahrer bedeutet das vor allem eines: Pläne verlieren schnell ihren Wert. Routen ändern sich ständig, spontane Entscheidungen gehören dazu. Manche Parks sind nur eingeschränkt erreichbar, andere praktisch abgeschnitten.

    Dazu kommt Malaria. Botswana gehört in weiten Teilen des Nordens ohnehin zum Risikogebiet. In einem Jahr mit so viel Wasser verändert sich die Lage deutlich. Mehr stehende Wasserflächen bedeuten mehr Brutstätten für Mücken. Das Risiko steigt nicht dramatisch, sondern schleichend.

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    Auf der anderen Seite zeigt sich das Land in einer Intensität, die man selten erlebt. Alles wirkt voller Leben. Tiere verteilen sich anders, neue Lebensräume entstehen, und das gesamte Ökosystem scheint sich ständig zu verändern.

    Botswana 2026 ist kein Jahr für feste Pläne.

    Es ist ein Jahr für Geduld, Flexibilität — und für die seltene Gelegenheit, ein Land im Wandel zu erleben.

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    Blow Out

    Schnell über die Grenze und hinein ins Abenteuerland. Ganz so einfach wird es dann aber doch nicht.

    Die Straße ist geteert, zumindest offiziell. In Wirklichkeit liegen überall willkürlich verteilte Potholes herum. Diese Löcher sehen aus wie kleine Vulkankrater: harter Außenrand, tiefe Einsenkung in der Mitte.

    Mein erster Reifenschaden entsteht durch genau so ein Mistloch.

    Später messe ich es nach: 1,20 Meter Durchmesser und an der tiefsten Stelle fünfunddreißig Zentimeter tief.

    Man fährt hier auf der großen Straße hundert bis hundertzwanzig. Seitenstreifen gibt es praktisch nicht. Ein LKW kommt entgegen und macht die Straße eng. Dann kracht es brutal.

    Für einen Moment denke ich, das Auto ist kaputt.

    Zum Glück reagiert der Reifendrucksensor sofort. Ich bremse direkt und halte an.

    Der linke Hinterreifen ist außen halb aufgeplatzt. Die Felge sieht erstaunlicherweise noch gut aus.

    Letztendlich bin ich einfach froh, dass es hier passiert ist und nicht irgendwo im Busch, zehn Stunden weg von allem. Das Glas ist halb voll.

    Der Wagenheber liegt natürlich komplett verbaut unter der Liegefläche im Camper. Draußen fünfunddreißig Grad, innen deutlich mehr. Schon nach wenigen Minuten läuft mir der Schweiß überall runter.

    Ich wuchte das Reserverad von der Rückwand des Campers. Zwei Männer halten an und helfen sofort mit. Gemeinsam setzen wir den Wagenheber richtig an.

    Zwanzig Minuten später ist der Reifen gewechselt.

    Als ich den beiden Helfern ein alkoholfreies Clausthaler in die Hand drücke, kommt zufällig eine Polizeistreife vorbei.

    Alles okay?

    Dass Bier alkoholfrei sein kann, müssen die Beamten erst einmal verstehen. Skeptisch schauen sie auf die Flaschen. Am Ende nehmen sie sie aber grinsend mit.

    Botswana fängt langsam an, mich kennenzulernen.

    Eigentlich wollte ich direkt nach Süden fahren. Der Kgalagadi ist allerdings nicht ohne — vor allem auf botswanischer Seite. Namibia, Südafrika und Botswana haben dort eine offene, grenzüberschreitende Region geschaffen. Die wilden Tiere haben absolute Priorität. Menschen kommen danach. Deshalb will ich auf das zweite Reserverad nicht verzichten.

    Ich fahre also erst einmal nach Norden in die nächste größere Stadt: Ghanzi.

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    Ghanzi

    Schon wieder Polizei!

    Diesmal bin ich im Ortsbereich etwas zu schnell unterwegs. Der Streifenwagen leuchtet hinter mir wie ein Weihnachtsbaum.

    Ich erkläre meine Situation: kein Geld gewechselt, keine SIM-Karte für Botswana, Reifenschaden, dringend Ersatzreifen nötig.

    Die Polizistin hört sich alles ruhig an.

    Dann lässt sie mich die Strafe auf dem Revier mit Karte bezahlen, eskortiert mich anschließend zu einem Reifenhändler und zeigt mir danach noch das kleine Einkaufszentrum mit ATM und SIM-Karten-Shop.

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    Für zwanzig Euro bekomme ich Polizeieskorte und Stadtführung.

    Die Nacht verbringe ich in einer Lodge etwas außerhalb.

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    Donovan – Teil 1

    Am nächsten Morgen frage ich in der Lodge nach einem Mechaniker.

    Die erste Fahrt bei Dunkelheit hat gezeigt, dass der Gegenverkehr massiv geblendet wird. Donovans Garage liegt versteckt irgendwo im Buschland.

    Der Light-Level-Sensor auf der Hinterachse wurde durch die immer noch zu schwachen Blattfedern beschädigt. Ein neuer Sensor allein reicht nicht aus. Die Lösung sind zusätzliche Airbags auf den Blattfedern.

    Das Problem: Die Teile müssen erst aus Gabs (Gabarone) bestellt werden.

    Da ich warten muss, setze ich meine Reise trotzdem fort und fahre erst einmal in den Kgalagadi — einfach etwas vorsichtiger.

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    Kgalagadi Transfrontier Park

    Niemandsland.

    Einfach deshalb, weil hier niemand leben möchte.

    Den Tieren scheint das recht zu sein.

    Völlig abgelegen, größer als Belgien. Die botswanische Seite vergibt gerade einmal siebzehn Campsites. Manche haben eine Eimerdusche oder ein Plumpsklo, manche nicht.

    Ich habe natürlich nichts vorgebucht. Und genau so möchte ich weiterreisen.

    Mein Platz ist eigentlich nur ein Platz oberhalb einer Salzpfanne, mit dem göttlichen Namen Mabuasehube. Der Sonnenuntergang ist gigantisch.

    Meine Nachbarn sind mehrere Ground-Squirrel-Familien und Mangusten.

    Bessere Wächter kann man sich kaum vorstellen.

    Die Wege sind eher Pfade, eng und deutlich zugewachsen. Harte Dornenbüsche kratzen über den Lack und machen hässliche Geräusche.

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    Buschland wechselt sich mit Salzpfannen ab.

    Viele Tiere bekomme ich zunächst gar nicht zu sehen. Das wird mich in dieser Jahreszeit noch öfter begleiten. Es gibt einfach zu viel Wasser. Die Wasserlöcher sind uninteressant geworden.

    Es gibt einen Weg nach Westen hinüber zur südafrikanischen Seite. Über diese Strecke existieren ganze Bücher, die sich wie Horrorstories lesen. Offiziell darf sie nur mit zwei Fahrzeugen gefahren werden.

    Ich erkläre den Rangern, dass ich gut ausgestattet bin: genügend Wasser, genügend Treibstoff, Satellitentelefon. Dass ich hier ohnehin keinen Empfang habe, erwähne ich lieber nicht.

    Screenshot

    Glühend rote Dünen, trockene Hitze am Tag und kalte Nächte bestimmen diese Landschaft aus Salzpfannen, trockenen Flussbetten und endloser Einsamkeit.

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    Es fährt sich wunderbar.

    Die tiefen Sandpassagen fahre ich in High 4. Je weiter ich nach Westen komme, desto stärker wächst der Untergrund auf die Dünen hinauf. Teilweise mit beachtlichen Steigungen und Gefällen.

    Nach ungefähr achtzig Kilometern kommt mir ein Konvoi aus elf südafrikanischen Offroadern mit Anhängern entgegen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie sie es bis hierher geschafft haben.

    Diese Trailer pflügen alles um und ziehen tiefe Furchen in die Dünenauffahrten. Die letzten Fahrzeuge im Tross haben endgültig die Arschkarte gezogen.

    Ihre vor anderthalb Jahren reservierten Campsites werden sie niemals erreichen.

    So ist das eben mit Vorbuchungen in Gegenden, die sich nicht für Planung interessieren.

    Ich grinse in mich hinein und lasse meinen Wagen entspannt auf ihren tiefen Furchen die Dünen hinunterrodeln.

    Nach acht Stunden erreiche ich durch das trockene Flussbett des Nossob den südafrikanischen Teil des Parks.

    Nossob

    Nach fünf Tagen Einsamkeit taucht so etwas wie Infrastruktur auf: ein Camp mit Tankstelle, Sprit — und einem Pool!

    Es gibt Parkstempel, aber keine Zollformalitäten. Bezahlt wird jetzt in Rand.

    Auf der südafrikanischen Seite verändern sich die Wege sofort. Aus Pisten werden wieder Straßen. Ein südafrikanischer Park eben.

    Wasserlöcher, Salzpfannen und ausreichend Bewuchs wechseln sich ab. Die Landschaft ist grün, aber nicht überwuchert. Das Gras steht angenehm niedrig. Baumsavanne und Bushveld.

    Alle Antilopenarten, die man schon aus Namibia kennt, sind vertreten. Für die Big Five sind es hier vor allem die Löwen.

    Nachts hört man sie aus allen Richtungen.

    Dieses urzeitliche Grollen, das fast immer in einer Art Husten endet. Vor allem die tiefen Frequenzen machen Eindruck. Man spürt sie mehr, als dass man sie hört.

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    Polentswa

    Langsam sehe ich mich satt an den Tieren.

    Löwenjunge kriechen sogar spielend unter meinem Auto hindurch. Keine anderen Tiere machen so etwas. Löwen verhalten sich oft, als wären wir schlicht nicht existent.

    Die Nacht möchte ich auf der anderen Seite des Flusses in Polentswa verbringen. Dort gibt es gerade einmal drei Campsites.

    Schon beim Vorbeifahren sehe ich allerdings diese typischen südafrikanischen Komfort-Trailer auf allen Plätzen stehen.

    Also fahre ich weiter zur Lodge.

    Die liegt spektakulär oberhalb der gleichnamigen Pfanne auf einer alten Flussbank. Alles aus Zeltmaterial gebaut. Der letzte Sturm hat allerdings deutliche Spuren hinterlassen. Das Hauptzelt ist beschädigt, einige Zelthäuser sind eingerissen.

    Eigentlich wurden alle Buchungen abgesagt. Das Stammpersonal ist aber noch vor Ort.

    Da ich nicht campen darf, sie mich aber trotzdem gern als einzigen Gast aufnehmen möchten, bekomme ich eines der besser erhaltenen Zelte angeboten.

    Es beginnt direkt mit High Tea. Dinner, Frühstück und Lunchpaket für den nächsten Tag inklusive.

    Achtzig Euro.

    Ich bleibe.

    Und ziemlich schnell wird klar, dass das eine dieser Nächte werden könnte, die man nicht mehr vergisst.

    Bevor die Lodge gebaut wurde, haben hier oben die Löwen nach ihren Rissen gelegen und in die Pfanne geschaut.

    Heute Abend sitzen sie etwa hundertfünfzig Meter entfernt unter einer Akazie und zerlegen gerade die letzten Reste eines Gnus.

    Ich bekomme Springbock zum Dinner. Für Löwen meistens zu klein. Für Menschen ziemlich lecker.

    Später werde ich mit dem Scheinwerfer bis zu meinem Zelt begleitet.

    Die Zelte haben Dusche und Toilette. Trotzdem bleibt es eben Stoff zwischen Mensch und Wildnis.

    Der Wind nimmt über der Pfanne Geschwindigkeit auf und schlägt gegen die Zeltwände. Die Außengeräusche wirken dadurch noch näher.

    Ich schlafe unruhig.

    Geweckt werde ich schließlich von anderen Geräuschen.

    Zuerst denke ich an Springböcke unter dem Zelt. Die Stelzenkonstruktion macht Geräusche. Schritte. Bewegung. Scharren.

    Dann fällt mir ein, dass Springböcke gar nicht unter den Aufbau passen.

    Ich mache das Licht auf der Veranda an.

    Löwen.

    Nicht zwei oder drei.

    Zwölf.

    Im ersten Moment fühlt es sich an wie beim ersten Gleitschirmflug. Man fragt sich automatisch: Halten die Leinen wirklich? Reicht das Material tatsächlich aus?

    Mit zwölf Löwen ums Zelt braucht niemand Kreislaufsport. Der Puls geht von allein auf hundertachtzig.

    Nach ungefähr einer Stunde werde ich ruhiger.

    Sie hatten schließlich gerade erst gefressen.

    Die Kamera liegt draußen im Auto. Ich komme nicht einmal auf die Idee, eine Hand aus dem Zelt zu strecken.

    Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein.

    Vielleicht hat mein Schnarchen die Löwen vertrieben. Jedenfalls sind sie morgens verschwunden.

    Rund ums Zelt überall Fußabdrücke im Sand und diese erstaunlich neutral riechende Löwenscheiße.

    Beim Frühstück sitze ich lange schweigend da.

    Oben eine entspannte Löwenfamilie mit spielenden Jungen. Weiter unten der Kadaver eines Gnus.

    That is nature. Wieder einmal.

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    Ich fahre weiter nach Norden und sehe die Landschaft wiederum mit leicht verändertem Blick.

    Buschland und Baumsavanne wechseln sich ab. Die Strecke bleibt einspurig, der Untergrund verändert sich ständig. Manchmal fahre ich einfach quer über namenlose Salzpfannen. Allrad brauche ich hier kaum.

    Antilopen tauchen auf und verschwinden sofort wieder im Dickicht.

    Einmal lasse ich eine Reitergruppe passieren. Ich gebe ihnen etwas von meinem Wasservorrat ab.

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    Es ist eine Anti-Poaching-Einheit.

    Wir reden kurz über diese Sisyphusarbeit. Aber sie lieben ihren Job.

    Nach mehreren Stunden taucht wieder Zivilisation auf. Ein kleiner Ort, der hauptsächlich von Salzgewinnung lebt.

    Noch eine Zwischenübernachtung.

    Dann zurück nach Ghanzi.

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    Donovan – Teil 2

    Die Ersatzteile sind angekommen.

    Natürlich hat der neue Light-Level-Sensor die falsche Größe und muss noch einmal neu bestellt werden. In Gabs.

    Donovans Internetverbindung dagegen ist beeindruckend schnell. Alles in seiner abgelegenen Werkstatt läuft über Starlink.

    Sein achtzehnjähriger Sohn erklärt mir das System.

    Keine zehn Minuten später ist auch für mich ein Starlink Mini bestellt. Die Netzabdeckung mit lokalen SIM-Karten ist schlicht katastrophal.

    Was soll ich sagen?

    Donovan und ich werden Freunde.

    Wie selbstverständlich dichtet er porös gewordene Gummilippen neu ab, schweißt einen passenden Aufsatz für den Durchlauferhitzer und baut nebenbei noch eine Halterung für die Satellitenschüssel.

    Er bringt mich abends zur Lodge und kommt später selbst noch auf ein Bier vorbei.

    Langsam habe ich das Gefühl, dass Auto und Ausrüstung anfangen, wirklich zusammenzupassen.

    Jetzt bin ich bereit für die Central Kalahari.

  • 03 – Freunde & Namibia Norden

    Swakop



    Swakop

    Swakop ist ein bisschen nach Hause kommen. Hier habe ich zuerst vor 30 Jahren gearbeitet. Das war noch die Zeit, in der ich Rüdiger kennengelernt habe, und er war damals Chef des State Hospitals. Schon damals habe ich bei ihm gewohnt und die namibische Gastfreundschaft kennengelernt.

    Manchmal schreiben wir, dann wieder jahrelang nicht. Es ist egal für die Freundschaft.

    Frank

    Das Gleiche ist mit Frank, der inzwischen ein Aviation-Unternehmen hat. Wir waren kaum über 20. Ich brauchte damals eine Mitfahrgelegenheit von Windhuk nach Swakopmund. Er war dort zum medizinischen Check-up für seinen Pilotenschein. Der behandelnde Arzt hat mir den Mitflug organisiert. Seitdem haben wir einige Erlebnisse miteinander gehabt. Fliegen verbindet.

    Ich treffe ihn spontan mittags, und wir trinken Bier. Ich glaube, es waren vier. Dann muss er weiter. Aber ich weiß, dass ich ihn in zwei Wochen auf der Farm besuchen kann, weiter oben im Norden. Es steht noch ein Helikopterflug aus, den er mir versprochen hat.

    Bravo

    Ich treffe Bravo und wir schauen uns seine Schule an. Klein und unscheinbar. In einer der nicht besten Gegenden von Swakop. Er geht öfter raus, um nach meinem Auto zu schauen. Ich bin beeindruckt, was er versucht aufzubauen. Aber nichts läuft hier ohne Geld. Die Zulassung ist schwierig. Wir vereinbaren, dass er sich wieder meldet, wenn er einen Businessplan zusammengestellt hat, und bleiben auch die nächsten Tage in Kontakt.

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    Henties Bay

    Dann besuche ich Esté und Reghardt in Henties Bay. Sie ist die älteste Schwester der Familie aus Kapstadt, die mir damals sehr ans Herz gewachsen war. Wir frischen alte Erinnerungen auf.

    Diese Familie zeigt, wie viel Tragödie in einem Leben vorkommen kann. Ihre Schwester Helien ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben, ihr Mann Hansi an einem Virus. Ihr Bruder hat sich aufgrund eines schweren Spinalkanaltumors mit massiven Schmerzen das Leben genommen. Sie selber hat zwei Tumorerkrankungen hinter sich. Diesmal ist nur der Vorfuß gebrochen.

    Es ist dennoch schön zu sehen, wie man hier in Afrika mit diesen Widrigkeiten umgeht und sich letztendlich weiter zurechtfindet. *That is nature*, werde ich noch öfter hören auf meiner Reise.

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    Messum-Krater und Brandberg

    Die Fahrt geht weiter. Es geht in den Norden. Ich fahre direkt durch den Messum-Krater, eine riesige Mondlandschaft. Viel Weg ist nicht mehr zu sehen. Hier hatte mal ein Meteorit eingeschlagen. Auf dem Mond kann die Bodenbeschaffenheit auch nicht schlechter sein.

    Mein Auto wühlt sich durch bis zum Brandberg. Auf der Westseite schlage ich mein Lager auf. Auf dem Sand gibt es wieder Büsche. Unter den Sternen hänge ich abends dem zuletzt Erlebten im Zusammenhang mit meiner Vergangenheit nach.

    Das nächste Ziel ist die Farm von Frank. Da stand ja immer noch der gemeinsame Flug aus. Natürlich war das nur der Fanfaktor. Wir mussten auch noch einige Zeit aufarbeiten.

    Dafür muss ich erst mal den Brandberg umrunden. Dieser Berg ist kreisrund, ähnlich wie der Messum-Krater, groß im Ausmaß und fast zweieinhalbtausend Meter hoch. Vor Jahren haben wir ihn mal bestiegen, nachts bei Vollmond. Tagsüber ist es zu heiß. Zum Glück ist kein Vollmond.

    Huab

    Ich fahre diesmal nach Koordinaten, die mir Frank gegeben hat. Irgendwo zwischen Khorixas und Kamanjab, in der Mitte von Namibia, ist der Abzweig den Huab hinauf. Bis dahin sind es ungefähr 200 Kilometer auf Gravel, einmal überquere ich eine Teerstraße.

    Der Huab führt in diesem Bereich kein Wasser. Die Regenzeit hat noch nicht richtig angefangen. In der zunehmenden Talenge finden sich auf der Sohle Büsche und Kameldornbäume. Viel Grundwasser.

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    Franks Farm

    Und hier liegt die Farm, eher eine Lodge. Frank hat sie komplett ausgebaut und einen großen Lapa davorgesetzt, diese strohgedeckten offenen, großzügigen Anbauten, die schon fast ein eigenes Haus sind.

    Durch dieses Tal ziehen immer wieder Wildtiere durch, Zebras, Kudus, und vom Oberlauf kommen Elefanten herunter, aber nicht sehr oft.

    Wir sitzen im Swimmingpool, haben ein leckeres Braai, trinken natürlich viel Bier. Ein Wochenende wie aus alten Tagen.

    Bohrlöcher und Solar

    Morgens fahren wir die fünf Bohrlöcher ab und kontrollieren die Solaranbindung. Die Wasserqualität ist gut.

    Flug mit dem Chopper

    Am Nachmittag lädt mich Frank zu einem Erkundungsflug mit seinem Chopper ein. Als Pilot hat er natürlich einen kleinen Airstrip und Hangar angelegt. Kaum sind wir 20 Meter über den Bäumen, verändert sich die Umgebung. Die Landschaft gewinnt eine neue Qualität.

    Die Zebras rasen davon, wir folgen ihrem Lauf, fliegen die Bergkämme ab und überfliegen den Huab, bis das Tal zu eng wird. Elefanten konnten wir heute nicht sehen. Wir drehen um und inspizieren auf der Anhöhe noch die Satellitenanlage. Die dritte Dimension bleibt etwas Besonderes.

    Allein auf der Farm

    Am nächsten Tag muss Frank den Chopper zur Inspektion nach Windhuk fliegen. Ich bleibe noch zwei Tage allein auf der Farm und genieße die Ruhe. Die Zeit für etwas Internetarbeit ist auch fällig. Es hängt doch noch einiges aus dem letzten Jahr hinterher: Rechnungen, Bank, Versicherungen, Steuer.

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    Petrified Forest

    Am nächsten Tag fülle ich den Wassertank mit dem frischen Brunnenwasser noch auf. Dann geht es weiter Richtung Norden. Der Reifendruck bleibt angepasst für Gravel.

    Ich halte beim Petrified Forest. Bei meinem ersten Besuch vor 35 Jahren dachte man, dass hier wirklich ein Wald gestanden hatte. Inzwischen weiß man, dass die Pinien aus Zentralafrika angeschwemmt worden sind und hier nur hängen geblieben sind. Das hier ist eine ganz andere Zeitgeschichte, die nicht ganz einfach zu begreifen ist.

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    Palmwag

    Die Palmwag-Konzession ist mein nächster Stopp. Der letzte Rangerposten vor dem Kaokoveld ist inzwischen eine touristische Lodge. Aber es ist ja Nebensaison, viel mehr Personal als Reisende.

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    Sesfontein

    Ich warte die durchgehende Regenfront ab und fahre dann am nächsten Tag nach Sesfontein. Hier ist die letzte Tankmöglichkeit vor dem harten Nordteil von Namibia. Aufgefüllt wird, was man dabeihat. Unter 200 Litern Sprit sollte man nicht weiterfahren.

    Die Tanke hat keine Möglichkeit für Kreditkarten. Mein Bargeld war zur Neige gegangen, Dollar wurden nicht akzeptiert. Also fahre ich mit dem Tankwart durch den Ort, von einer kleinen Spelunke zur nächsten, um Dollars zu tauschen. Da die allerwenigsten überhaupt Bargeld haben, hatte ich, bis ich die richtige Menge zusammenhatte, inzwischen das ganze Dorf kennengelernt. Vielleicht sollte man es immer so machen.

    Obwohl die Gemeinde eine große Schule für die ganze Region unterhält, gibt es keinen Geldautomaten. Sie warten seit zehn Jahren.

    Purros

    Ab hier geht es dem Auto so richtig ans Leder. Die Straße nach Purros wechselt von Gravel zu Wellblech, hartem Gestein, steilen Passagen mit extremen Steigungen, bis zu kilometergroßen Sandpfannen, Hart- und Tiefsand. Die Geschwindigkeit wechselt zwischen 5 km/h und 80 km/h in den Sandpfannen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist eher 40. Der Allrad spielt alle seine Möglichkeiten aus: High 2, High 4, Low 4, Diff Lock. Das ABS muss ausgestellt werden, es möchte zu oft eingreifen.

    Ich komme spät abends in Purros an. Es ist kein Ort, sondern eine Agglomeration. Eine Wellblechhütte handelt mit wenigen Haushaltswaren. Alles zum zwei- bis dreifachen Preis. Aber ich bin ja ausgestattet.

    Im Ort gibt es nur tiefen Sand. Das ist wie Tiefschnee fahren, nur mit dem Auto. Auch der Ort ähnelt in einer bizarren Weise eher einer Almhütten-Anordnung auf einer Hochweide.

    Nacht in Purros

    Nachts hört man, wie die Elefanten die Kameldornbäume schütteln, um danach die Schoten aufzusammeln.

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    Dux

    Morgen kommt Dux vorbei. Er leitet hier das Camp. Wir trinken Kaffee und erklären uns viele unterschiedliche Sichtweisen. Er beschreibt mir den Weg zum Marienfluss. Die Gefahren, die beschwerlichen Kammfahrten, die Passquerung. Das herrliche Panorama.

    Mein Satellitentelefon funktioniert hier weit unten im Süden an der Westküste nicht mehr. Ich notiere mir seine Telefonnummer und verspreche, die Weiterfahrt ab der letzten Abzweigung nur mit einem zweiten Fahrzeug zu machen. Das nächste Mal würde er mich gerne begleiten.

    Während ich das schreibe, sind zwei Monate vergangen, und ich habe gerade einen WhatsApp-Gruß von ihm bekommen.

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    Richtung Marienfluss

    Nachdem ich die Oase verlasse, fahre ich mit relativ hoher Geschwindigkeit weiter Richtung Norden. Es macht Spaß, das Auto durch die weiten Ebenen zu treiben, durch dieses Niemandsland, in dem nicht mal Büsche wachsen.

    Freund Nummer 17

    Auf einer der Absenkungen, die ich durchfahre, treffe ich unerwartet auf einen Freund, Nummer 17. Er sitzt gemütlich auf einer Revierkante, einem dieser zeitlosen Flüsse in Namibia, die seit Jahrzehnten kein Wasser mehr haben. Er sitzt einfach da und schaut in die endlose Weite. Ich setze mich neben ihn.

    Unter uns liegen die Knochen von ausgeweideten Tieren, man erkennt Springbock- und Gemsbockgeweihe. Anscheinend kommt hier doch mal ab und zu jemand vorbei.

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    Warten an der Abzweigung

    Da ich noch einiges vorhabe und dafür Tageslicht brauche, fahre ich weiter. An der Abzweigung Marienfluss parke ich mein Auto, mache mir mein Lunch und warte. Auch am nächsten Tag kommt niemand vorbei. Schon gar nicht jemand, der weiter in den Norden möchte. Absolute Nebensaison, diesmal von Nachteil.

    Ich fahre ein deutliches Stück hinein. Man kann sie ja ahnen, die Bergbrücken der Hartmannberge und dahinter den Marienfluss. Ich teste noch mal mein Satellitentelefon. Kein Empfang.

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    Opuwo

    Ich kehre um und fahre die direkte Strecke nach Opuwo. Das war sicherlich meine bisher schlechteste Entscheidung, denn diese Straße ist eine wahnsinnige Tortur für das Auto. Harter Stein wechselt mit harten Steinanstiegen. Dann endlose Geröllflächen. Ich denke, dass das Reifengummi inzwischen in Fetzen an der Felge hängt. Auch mein Gehirn ist ziemlich durchgeschüttelt, und nach vier Stunden erreiche ich Opuwo.

    Ich nehme mir in der Lodge oberhalb der Stadt ein Zimmer und lasse mich am Abend gut bekochen. Zum ersten Mal wieder Internet. Seltsam.

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    Epupa 

    Ich weiche wieder den Wetterfronten im Osten aus und hangele mich zwischen den Giraffenbergen und den Zebrabergen bis hoch zum Kunene. Die Straßen bleiben einspurig, Gravel und Geröll wechseln sich ab.

    Klinik

    Die nächste größere Ansiedlung ist an den Epupa-Fällen. Von einem Ort kann man nicht reden. Es gibt nur eine Klinik mit einer Schwester, ansonsten nur Campingplätze. Man lebt hier vom Offroad-Tourismus.

    Die Klinik ist wichtig, da die Stämme, die hier leben, sich nicht an Grenzen gebunden fühlen und mal über den Fluss und mal auf der namibischen Seite wohnen. Gerade aus Angola kommen doch vermehrt Krankheiten. Ich sehe die ersten zwei Malariafälle, die im Krankenhaus behandelt werden. Die Saison hat begonnen.

    Sie gibt mir Antibiotika für die Durchfallerkrankung eines Mitcampers mit. Rechnungen oder so etwas gibt es hier nicht, reine Selbstverständlichkeit. Das, was da ist, wird verteilt.

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    Zwei Overlander

    Es hatte die Tage vorher am Kunene ziemlich geregnet. Danach war es drei, vier Tage wieder schön. Mir war es zu heikel, alleine zu fahren. Sagen wir mal so: Ich habe versprochen, keine unnötigen Risiken einzugehen.

    Dann hatte ich unabhängig voneinander zwei erfahrene Overlander getroffen. Ein Deutscher, mit Imodium wieder fahrtüchtig, und ein Namibianer. Evan lebt auf einer Farm in der Nähe von Kalkfeld. Die sind Regengüsse und überschwemmte Straßen gewohnt. Er hatte sehr gute Erfahrung mit der Überquerung von Furten und konnte gut die Konsistenz von dem Sand in den Flüssen einordnen.

    Teilweise haben wir größere Äste gelegt. Manchmal einen eigenen Umweg gesucht. Aber über allem ist die Strecke am Kunene entlang sehr spektakulär. Sie gibt alles her, was die Overlander erfreut, in einer landschaftlich sehr abwechslungsreichen Umgebung. Das Wetter stimmt, die Temperatur stimmt.

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    Himba

    Im Kaokoveld tauchen immer wieder kleine Ansiedlungen mitten im Nirgendwo auf. Meistens auf einer Fläche, von der aus sie die Umgebung beobachten können. Eine gewisse Sicherheit brauchen sie dann doch.

    Meistens gibt es ein Kral, um nachts die Ziegen zu sichern. Hütten sind typischerweise aus Lehm und rund gestaltet, manchmal auch viereckig. Wenn mal mehr Geld vorhanden ist, wird gerne Wellblech verwendet.

    Einige der Siedlungen wirken verlassen. Manchmal gibt es auch Kühe. Tagsüber sind die Tiere am liebsten im Straßenbereich, dort können sie besser laufen, und dort am Rand hat sich so etwas wie Vegetation gebildet.

    Die Himba-Frauen laufen in ihrer Tradition immer barbusig. Die Männer bleiben im Hintergrund, außer es ist eindeutig Alkohol im Spiel.

    Zeigt sich hier die Tragödie eines aussterbenden Volkes, das den Anschluss an die Moderne nicht schafft, die eigenen Traditionen im Werte aber längst verloren hat?

    Etoscha

    Etoscha habe ich schnell hinter mir gelassen. Wieder mal eine schlechte Erfahrung. Der Straßenzustand unmöglich, überteuert und voll mit Menschen in Viehtransportern, und keine Tiere. Es gibt einfach viel zu viel Wasser überall.

    Mount Etjo

    Mein nächster Stopp ist Mount Etjo. Die Gründungslodge von Namibia, gleichzeitig ein riesiges Conservancy, vor allem für Rhinos. Natürlich ist alles ausgebucht, selbst das Campsite. Selbstverständlich sucht man nach Lösungen. Ich werde im Apartment von Tour Guide Nummer 2 einquartiert.

    Abends beim Dinner bin ich Tour Guide 2. Um das Spiel gegenüber den anderen Gästen aufrechtzuerhalten, darf ich keinen Alkohol trinken. Aber auf diese Weise kam ich zu meinem Bush Walk zu den Rhinos.

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    Bush Walk zu den Rhinos

    Früh auf und fünf Stunden durch den Busch. Der Parkranger, der mich mitnimmt, Philippi, ist schon etwas älter und im Busch aufgewachsen. Keine Waffe, nur ein Stock.

    Es ist wirklich eine ganz andere Hausnummer, zu Fuß durch den Busch zu gehen, ohne Straßen. Die einzigen Wege sind die, die von den Tieren getrampelt worden sind. Die ersten Rhino-Tracks haben wir ausgelassen, weil da Löwenspuren gefolgt waren. Das andere Mal waren es Black-Rhino-Fährten, die wollten wir nicht, sie sind zu aggressiv.

    Wir laufen um zwei der gefährlichsten Tiere des Planeten herum. Der Stress war vorher eher bei der intellektuellen Verarbeitung. In der Natur schalten auch wir Menschen wieder auf den Instinktmodus.

    Man könnte meinen, so ein Rhino hinterlässt tiefe Spuren. Ich hätte die Fährte sicherlich zehnmal verloren. Am Ende haben wir eine Mutter mit ihrem Baby aufgespürt. Meine Güte, sind die ängstlich und nervös.

    Es ist pure Freude, diesen Tieren nahe zu kommen und sie zu beobachten, schutzlos und dennoch eingebunden. Ich lerne, dass Rhinos schlecht sehen, aber gut riechen. Wir wechseln die Windseite, und auf diese Art und Weise können wir lange Zeit folgen. Was für eine Erfahrung.

     Endkontrolle Windhoek

    Tja, ich bin immer noch in Windhuk. Eigentlich hatte ich heute Morgen schon ausgecheckt und war nur noch einmal zur Endkontrolle bei Bushlore: Motorwäsche, Zeltstangen und Kontrolle der Federung, denn die macht noch komische Geräusche.

    Leider war sich dort niemand so richtig sicher, was es ist. Die Suche geht morgen früh weiter. Das hat mich also noch einmal um einen Tag zurückgeworfen.

    Innenausbau

    Der Innenausbau ist inzwischen fertig und wirklich gut geworden. Bei der Elektronik musste allerdings noch ein Gerät ausgetauscht werden, weil fälschlicherweise statt eines Chargers ein Converter eingebaut worden war. Dadurch kam kein Strom von der Starterbatterie. Jetzt sollte das Problem aber behoben sein.

    Planänderung

    Ich hoffe, dass ich morgen endlich weiterkomme in Richtung Botswana. Dafür muss ich meinen Plan etwas anpassen und fahre wahrscheinlich zuerst in den äußersten Süden. Der Norden ist komplett überflutet. Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht schon vor ein oder zwei Wochen dorthin gefahren bin. Dort sind einige Fahrzeuge auf der Strecke geblieben.

    Homepage

    Heute Abend versuche ich mich noch ein wenig an einer Homepage. Große Lust habe ich zwar nicht, aber was tut man nicht alles für Freunde.

  • 02 – Warmlaufen

    An einem Camper gibt es immer etwas zu ändern. Eine Kleinigkeit, die noch besser sitzen könnte. Eine Schraube, die anders sitzen müsste. Eine Entscheidung, die sich erst auf der Straße als richtig oder Schnapsidee zeigt.

    Zuletzt hatten wir Blattfedern für 500 Kilo eingebaut. Sie liegen stramm, fast störrisch, plan unter dem Fahrwerk. Die stärkeren für 800 kg  warten in Windhoek, nach dem ersten Rundlauf durch Namibia. Für jetzt genügt das. Zeit, das Auto auf die Straße zu setzen. 

    Die erste Strecke war Teerstraße. Ein sauberer Test. Höhere Geschwindigkeiten, Seitenwind, mögliche Schwammigkeit — alles ok.

    Teerstrasse
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    Ich bin auf der Suche nach Orten, die ich bisher ausgelassen habe. Erstaunlicherweise war ich noch nie in Lüderitz. Eine Stadt im Sand am Meer, immer wieder verweht und wieder freigelegt. Der Wind geht durch die Straßen, als gehöre ihm der Ort. Das Meer ist rau. Alles wirkt wie aus einer anderen Zeit.

    Lüderitz
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    Lüderitz

    Hier esse ich Austern. 2,50€ auf Eis, Salz und Zitrone. Sie sind absurd gut. Eigentlich nur die Vorspeise zum Burger, aber mehr als das. Vielleicht, weil der Ort selbst eine Vorspeise ist, nie ganz Hauptgericht.

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    Es ist zu nett hier. Also fahre ich weiter.

    Ich fahre weiter hinunter zum Fish River Canyon. Dort beginnen jene Wege, auf denen sich ein Fahrzeug bewähren muss: schmal, steinig, eingerissen von kleinen Trockenflüssen, unerquicklich genug. Es ist absolute Nebensaison, ein Geschenk. Kein Mensch unterwegs. Die Fish River Lodge war geschlossen, aber man reicht mir trotzdem ein Getränk — eine  beiläufige Freundlichkeit. Wenn ich ablehne oder ausweiche, heisst es meistens “I insist!”

    Später wandere ich auf den Rim Trail. Spektakulär. Es gibt Landschaften, die sich fotografieren lassen, und andere, die sich dem entziehen. Diese gehört zur zweiten Art. Das Auge war noch immer das bessere Instrument, das Gehirn der verlässlichere Speicher.

    Fish River Rim

    Im Camper bewährten sich die Schlafmöglichkeiten ohne Einschränkung. Die Küchenzeile ohnehin. Der Kühlschrank war in Windhoek noch einmal so aufgefüllt worden, als müsse ich unterwegs ein kleines Restaurant betreiben. 

    In den nächsten Tagen zog ich durch das Küstenhinterland nach Norden, immer mit Blick auf die mächtigen Dünen gen Westen und östlich, die groben, rauen Berge, gegen jeden Kompromiss entstanden.

    Übernacht in einem abgelegenen Tal der Tirasberge. Am  Morgen Suche nach den letzten Wildpferden. Die Konzession gehört einem Südwester. Wir reden eine Weile und folgen der Scleifspur eines Leoparden, der  einen Springbock gerissen hatte.  Die Wildpferde können deswegen nur auf der anderen Seite der Hügel sein, doch zuerst mussten die Rinder geimpft werden. Es gibt einige Fälle von Lumpy-Skin-Disease. Nicht schön für das Vieh, aber für Menschen ungefährlich. Ein Aussage wie so vieles hier.

    Schleifspur

    lumpy-skin-disease

    Die Reise geht weiter. Die Gravelpiste wird sandiger. Hin und wieder tauchen seitlich Oryx und Springböcke auf, begleiteten das Fahrzeug mit jener höflichen Distanz, die Wildtiere besser beherrschen als wir. Die Landschaft wechselt so scharf, dass ich denke, das Auto spürt es zuerst – mal rumpelnd, mal gleitend es über Wege, die kaum noch existieren. 

    Am Namib Rand, N/a’an ku sê „in Gottes Hand“ perfekter Platz. Unendliche Weite, Sonnenuntergang mit Mineralstaub, der nachglüht. Farben bleiben. Verändern sich. Verschwinden langsam.

    Kanaan

    Am nächsten Morgen lecker Spiegelei, turned over. Dann doch nach Sossusvlei, da fast keine Touristen. Abends allein im Deadvlei. Renne Dünen rauf, runter – purer Spaß. Farbenspiel wechselt mit der Sonne, selbst bei meiner Farbensehschwäche atemberaubend. Gleitschirm? Verboten. Aber am Meer warten andere Möglichkeiten.

    Sossusvlei
    Deadvlei
    Moonwalk

    Die Fahrt geht weiter in die Naukluft. Irgendwo am Wendekreis des Steinbocks steht ein riesiger Fels im Nichts. Mein Sternzeichen und kein Zufall.  Hirabeb wir kennen uns. Von hier rieselt der Sand bis ans Meer, 150km.

    Die Nacht ist intensiv. Kein Geräusch. Kein Rascheln. Nur der Wind. Das Dachzelt bewegt sich leicht. Später wird es kalt, wie es in der Wüste eben kalt wird. Ich hatte mir eine Decke gekauft und lege den Schlafsack darüber. Inzwischen schlief ich wieder länger als sieben Stunden, manchmal acht. Ich glaube, das war mir seit dreißig Jahren nicht mehr passiert.

    Am nächsten Tag geht es über die üblichen Wellblechpisten Richtung Walvis Bay. Nach tausend Kilometern Offroad erreiche ich  wieder Teerstraße. Es fühlt sich komisch an.

    In Walvis treffe ich Brave. Bushlore hatte ihm schwächere Hubfedern geschickt. Wir tauschten sie an der Hecktür der Kabine aus. Zuvor hatten wir stärkere eingebaut, weil an der Tür Sandbleche montiert waren und sie nach oben öffnete. Nun aber ließ sie sich von innen kaum noch schließen; die Federkraft arbeitete gegen jeden vernünftigen Bewegungsablauf. Ein gutes Beispiel dafür, dass zwei richtige Lösungen zusammen noch lange kein richtiges Ergebnis ergeben.

    Brave ist für Bushlore an der Küste der Mann für alles. Wenn ein Reifen platzt oder ein Wagen festsitzt, kümmert er sich darum. Wir kamen ins Gespräch. Ich lud ihn in der Mall zum Lunch ein, und dabei erzählte er von seinem zweiten Standbein: einer Schule, in der Caretaker und Front-Office-Assistents für Praxen und Apotheken ausgebildet wurden. Seine Idee ist schlicht und deshalb groß: die Ausbildung bezahlbar zu machen. Schon kleine Beträge waren für einen großen Teil der Bevölkerung eine Hürde von nahezu unüberwindlicher Höhe. Zugang zu Bildung ohne Geld war kaum möglich. Der Staat half beim Bewerben, nicht bei den laufenden Kosten. Diese trägt am Enden jeder selbst.

    ## Tankstellen-Anekdote: Die Absurdität des Geldes

    Beim Tanken wurde ich von einer Hilfskraft angesprochen – ob ich ausländisches Geld gegen Namibische Dollar (N$) eintauschen könnte. Es handelte sich um polnische Zloty; ich erklärte ihm lachend, damit könne er nur noch den Hintern abputzen. Dann hatte er eine Euro-Münze zum Tausch.

    Auf der Bank erledigen, meinte ich. Doch er hatte keinen Ausweis – der sei zu teuer, und das Geld brauche er dringend für Essen und Familie. Für kleinere Bankgeschäfte wie Umtausch ist eine ID notwendig.

    Namibia hat seit 2025 einen nationalen Mindestlohn von 18 N$/Stunde (ca. 0,90 €) eingeführt, für Aushilfen oder Farmarbeiter derzeit sogar nur 14–15 N$/Stunde (ca. 0,70 €). Bei 8 Stunden/Tag sind das magere 112 N$ (5,60 €) – kaum genug für Basics wie Brot (ca. 14 N$/Laib) oder Wasser (15 N$/Liter).

    ##

    Da ich die nächsten Tage in Swakopmund bei Rüdiger sein würde und Brave mich auf sein Projekt neugierig gemacht hatte, verabreden wir, uns die Schule die nächsten Tage gemeinsam anzusehen.

    Rüdiger war am Wochenende noch auf der Farm als ich am Samstag ankam. Ein Schlüssel war hinterlegt. Ich stelle das Auto in den Hof und übernachte zum ersten Mal seit der Abreise wieder in einem Bett.

    Am nächsten Tag hole ich meinen kleinen Gleitschirm hervor und tobe mich an den Dünen aus. Es ist die sanfteste Art des Fliegens, ein Spiel im Wind, barfuß, ohne Safty. Die Stunden vergingen buchstäblich in der Luft.

    Am Abend mit Rüdiger und Gisela stundenlang in der Küche. Wir reden über Gott und die Welt, obwohl es meist um viel Konkreteres geht. Lachen viel.

    Und mehr als ein Bier.

    Swakop

    Rüdiger u. Giesela

  • 01 – Ankunft

    Ankunft

    Windhoek, 14. Januar 2026.

    Erst einmal Bestandsaufnahme bei Bushlore. Auto inspizieren, Liste machen, Werkstätten suchen. Der Plan war klar: zwei Wochen Umbau – Winde, Bumper, Schnorchel, Lithiumbatterie, 340-Watt-Panel. Danach los.

    Wie so oft in Afrika: Der Plan hielt ungefähr zwei Tage.

    Aus zwei Wochen wurden drei. Und ich bin immer noch in Windhoek.

    Ein paar Dinge waren schnell erledigt, andere entwickelten ein Eigenleben. Polsterung musste neu, die Zeltplane wird ersetzt. Ein Safe wird eingebaut, zusätzlich ein doppelter Boden für Schlüssel. Eine Absperrhilfe für die Gangschaltung. Der Bumper kommt neu, die Winde auch. Für das Dach lasse ich eine Kiste nach Maß bauen. Dazu ein kleiner Durchlauferhitzer – Minimalversion.

    Der eigentliche Endgegner war die Bürokratie.

    Seit Mittwoch habe ich endlich meine TRN – Traffic Registration Number. Ohne die läuft hier gar nichts. Das war die größte Hürde. Der Rest ist vergleichsweise einfach. Nächste Woche kommt noch das Carnet de Passage, dann ist die Papierseite erledigt.

    Der Alltag in Windhoek besteht derzeit aus Werkstätten, Ersatzteilläden und Baumärkten.
    Ich kaufe Dinge, von denen ich vor vier Wochen noch nicht wusste, dass ich sie brauche: Geyser, Akkuschrauber, Starthilfe, Schmierfette, Abschleppseile, Benzinkanister. Nebenbei kümmere ich mich um das Logo fürs Auto und diverse Sicherheitsdetails.

    Ich habe gelernt wie man Reifen repariert und wechselt. In Zwischenzeit kenne ich alle Filtersysteme im Auto auswendig.

    Dazwischen: TÜV, Versicherung, Papierkram.

    Die Versicherung ist übrigens erstaunlich solide. Sie deckt sogar Diebstahl von Kamera, Gleitschirm und anderem Equipment – und das für alle Länder, durch die die Reise führen soll.

    Windhoek selbst ist keine Stadt, in der man sich lange aufhalten möchte. Nicht besonders schön, nicht besonders fotogen. Aber die Menschen hier haben eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie finden Lösungen.

    Das gefällt mir.

    Am Anfang lag ich häufiger unter dem Auto als ich darin saß. Inzwischen wird es ruhiger. Ich bin ein paar Tage draußen auf der Farm meines alten Freundes Rüdiger. Etwas Internet, viel Himmel, viel Platz.

    Langsam komme ich runter.

    Mir geht’s gut. 👍

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