04 – Botsuanas Westen

Wenn die Regenzeit alles verändert

Wer in diesen Monaten durch Botswana reist, merkt schnell: Dieses Jahr ist anders.

Deswegen mache ich mich entgegen der ursprünglichen Planung in den Südwesten auf. Kgalagadi Transfrontier Park. Dort zeigt sich die Regenzeit noch von ihrer klassischen Seite. Grün, lebendig, weich gespülte Pisten, Wasser in den Senken — aber insgesamt noch gut bereisbar. Genau so, wie man es für diese Jahreszeit erwartet.

Doch je weiter man nach Norden und Osten kommt, desto mehr kippt das Bild.

Dieses Jahr hat es in weiten Teilen außergewöhnlich viel geregnet. Selbst Einheimische sagen, sie hätten so etwas seit Jahren nicht erlebt. Straßen stehen unter Wasser, Pisten sind aufgeweicht oder komplett verschwunden, und Regionen, die sonst trocken und staubig sind, wirken plötzlich wie überschwemmte Landschaften.

Besonders auffällig ist die Situation rund um das Okavango-Delta, Moremi und die Makgadikgadi-Salzpfannen. Vieles ist momentan gar nicht zugänglich. Die Pfannen, sonst trocken und hart wie Beton, haben sich in flache Seen verwandelt. Die Weite bleibt dieselbe. Nur trägt sie jetzt Wasser.

Das eigentlich Erstaunliche daran:

Das große Wasser ist noch gar nicht da.

Normalerweise kommt die Hauptflut des Okavango erst Monate später aus Angola. Dieses Wasser überschwemmt jedes Jahr zeitversetzt das Delta. Doch 2026 ist die Situation anders. Die lokalen Regenfälle allein haben das Land bereits so gesättigt, dass große Teile jetzt schon unter Wasser stehen.

Botswana erlebt gerade eine Art Vorlauf-Flut.

Und viele rechnen damit, dass das eigentliche große Wasser erst noch kommt.

Für Selbstfahrer bedeutet das vor allem eines: Pläne verlieren schnell ihren Wert. Routen ändern sich ständig, spontane Entscheidungen gehören dazu. Manche Parks sind nur eingeschränkt erreichbar, andere praktisch abgeschnitten.

Dazu kommt Malaria. Botswana gehört in weiten Teilen des Nordens ohnehin zum Risikogebiet. In einem Jahr mit so viel Wasser verändert sich die Lage deutlich. Mehr stehende Wasserflächen bedeuten mehr Brutstätten für Mücken. Das Risiko steigt nicht dramatisch, sondern schleichend.

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Auf der anderen Seite zeigt sich das Land in einer Intensität, die man selten erlebt. Alles wirkt voller Leben. Tiere verteilen sich anders, neue Lebensräume entstehen, und das gesamte Ökosystem scheint sich ständig zu verändern.

Botswana 2026 ist kein Jahr für feste Pläne.

Es ist ein Jahr für Geduld, Flexibilität — und für die seltene Gelegenheit, ein Land im Wandel zu erleben.

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Blow Out

Schnell über die Grenze und hinein ins Abenteuerland. Ganz so einfach wird es dann aber doch nicht.

Die Straße ist geteert, zumindest offiziell. In Wirklichkeit liegen überall willkürlich verteilte Potholes herum. Diese Löcher sehen aus wie kleine Vulkankrater: harter Außenrand, tiefe Einsenkung in der Mitte.

Mein erster Reifenschaden entsteht durch genau so ein Mistloch.

Später messe ich es nach: 1,20 Meter Durchmesser und an der tiefsten Stelle fünfunddreißig Zentimeter tief.

Man fährt hier auf der großen Straße hundert bis hundertzwanzig. Seitenstreifen gibt es praktisch nicht. Ein LKW kommt entgegen und macht die Straße eng. Dann kracht es brutal.

Für einen Moment denke ich, das Auto ist kaputt.

Zum Glück reagiert der Reifendrucksensor sofort. Ich bremse direkt und halte an.

Der linke Hinterreifen ist außen halb aufgeplatzt. Die Felge sieht erstaunlicherweise noch gut aus.

Letztendlich bin ich einfach froh, dass es hier passiert ist und nicht irgendwo im Busch, zehn Stunden weg von allem. Das Glas ist halb voll.

Der Wagenheber liegt natürlich komplett verbaut unter der Liegefläche im Camper. Draußen fünfunddreißig Grad, innen deutlich mehr. Schon nach wenigen Minuten läuft mir der Schweiß überall runter.

Ich wuchte das Reserverad von der Rückwand des Campers. Zwei Männer halten an und helfen sofort mit. Gemeinsam setzen wir den Wagenheber richtig an.

Zwanzig Minuten später ist der Reifen gewechselt.

Als ich den beiden Helfern ein alkoholfreies Clausthaler in die Hand drücke, kommt zufällig eine Polizeistreife vorbei.

Alles okay?

Dass Bier alkoholfrei sein kann, müssen die Beamten erst einmal verstehen. Skeptisch schauen sie auf die Flaschen. Am Ende nehmen sie sie aber grinsend mit.

Botswana fängt langsam an, mich kennenzulernen.

Eigentlich wollte ich direkt nach Süden fahren. Der Kgalagadi ist allerdings nicht ohne — vor allem auf botswanischer Seite. Namibia, Südafrika und Botswana haben dort eine offene, grenzüberschreitende Region geschaffen. Die wilden Tiere haben absolute Priorität. Menschen kommen danach. Deshalb will ich auf das zweite Reserverad nicht verzichten.

Ich fahre also erst einmal nach Norden in die nächste größere Stadt: Ghanzi.

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Ghanzi

Schon wieder Polizei!

Diesmal bin ich im Ortsbereich etwas zu schnell unterwegs. Der Streifenwagen leuchtet hinter mir wie ein Weihnachtsbaum.

Ich erkläre meine Situation: kein Geld gewechselt, keine SIM-Karte für Botswana, Reifenschaden, dringend Ersatzreifen nötig.

Die Polizistin hört sich alles ruhig an.

Dann lässt sie mich die Strafe auf dem Revier mit Karte bezahlen, eskortiert mich anschließend zu einem Reifenhändler und zeigt mir danach noch das kleine Einkaufszentrum mit ATM und SIM-Karten-Shop.

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Für zwanzig Euro bekomme ich Polizeieskorte und Stadtführung.

Die Nacht verbringe ich in einer Lodge etwas außerhalb.

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Donovan – Teil 1

Am nächsten Morgen frage ich in der Lodge nach einem Mechaniker.

Die erste Fahrt bei Dunkelheit hat gezeigt, dass der Gegenverkehr massiv geblendet wird. Donovans Garage liegt versteckt irgendwo im Buschland.

Der Light-Level-Sensor auf der Hinterachse wurde durch die immer noch zu schwachen Blattfedern beschädigt. Ein neuer Sensor allein reicht nicht aus. Die Lösung sind zusätzliche Airbags auf den Blattfedern.

Das Problem: Die Teile müssen erst aus Gabs (Gabarone) bestellt werden.

Da ich warten muss, setze ich meine Reise trotzdem fort und fahre erst einmal in den Kgalagadi — einfach etwas vorsichtiger.

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Kgalagadi Transfrontier Park

Niemandsland.

Einfach deshalb, weil hier niemand leben möchte.

Den Tieren scheint das recht zu sein.

Völlig abgelegen, größer als Belgien. Die botswanische Seite vergibt gerade einmal siebzehn Campsites. Manche haben eine Eimerdusche oder ein Plumpsklo, manche nicht.

Ich habe natürlich nichts vorgebucht. Und genau so möchte ich weiterreisen.

Mein Platz ist eigentlich nur ein Platz oberhalb einer Salzpfanne, mit dem göttlichen Namen Mabuasehube. Der Sonnenuntergang ist gigantisch.

Meine Nachbarn sind mehrere Ground-Squirrel-Familien und Mangusten.

Bessere Wächter kann man sich kaum vorstellen.

Die Wege sind eher Pfade, eng und deutlich zugewachsen. Harte Dornenbüsche kratzen über den Lack und machen hässliche Geräusche.

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Buschland wechselt sich mit Salzpfannen ab.

Viele Tiere bekomme ich zunächst gar nicht zu sehen. Das wird mich in dieser Jahreszeit noch öfter begleiten. Es gibt einfach zu viel Wasser. Die Wasserlöcher sind uninteressant geworden.

Es gibt einen Weg nach Westen hinüber zur südafrikanischen Seite. Über diese Strecke existieren ganze Bücher, die sich wie Horrorstories lesen. Offiziell darf sie nur mit zwei Fahrzeugen gefahren werden.

Ich erkläre den Rangern, dass ich gut ausgestattet bin: genügend Wasser, genügend Treibstoff, Satellitentelefon. Dass ich hier ohnehin keinen Empfang habe, erwähne ich lieber nicht.

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Glühend rote Dünen, trockene Hitze am Tag und kalte Nächte bestimmen diese Landschaft aus Salzpfannen, trockenen Flussbetten und endloser Einsamkeit.

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Es fährt sich wunderbar.

Die tiefen Sandpassagen fahre ich in High 4. Je weiter ich nach Westen komme, desto stärker wächst der Untergrund auf die Dünen hinauf. Teilweise mit beachtlichen Steigungen und Gefällen.

Nach ungefähr achtzig Kilometern kommt mir ein Konvoi aus elf südafrikanischen Offroadern mit Anhängern entgegen. Bis heute ist mir schleierhaft, wie sie es bis hierher geschafft haben.

Diese Trailer pflügen alles um und ziehen tiefe Furchen in die Dünenauffahrten. Die letzten Fahrzeuge im Tross haben endgültig die Arschkarte gezogen.

Ihre vor anderthalb Jahren reservierten Campsites werden sie niemals erreichen.

So ist das eben mit Vorbuchungen in Gegenden, die sich nicht für Planung interessieren.

Ich grinse in mich hinein und lasse meinen Wagen entspannt auf ihren tiefen Furchen die Dünen hinunterrodeln.

Nach acht Stunden erreiche ich durch das trockene Flussbett des Nossob den südafrikanischen Teil des Parks.

Nossob

Nach fünf Tagen Einsamkeit taucht so etwas wie Infrastruktur auf: ein Camp mit Tankstelle, Sprit — und einem Pool!

Es gibt Parkstempel, aber keine Zollformalitäten. Bezahlt wird jetzt in Rand.

Auf der südafrikanischen Seite verändern sich die Wege sofort. Aus Pisten werden wieder Straßen. Ein südafrikanischer Park eben.

Wasserlöcher, Salzpfannen und ausreichend Bewuchs wechseln sich ab. Die Landschaft ist grün, aber nicht überwuchert. Das Gras steht angenehm niedrig. Baumsavanne und Bushveld.

Alle Antilopenarten, die man schon aus Namibia kennt, sind vertreten. Für die Big Five sind es hier vor allem die Löwen.

Nachts hört man sie aus allen Richtungen.

Dieses urzeitliche Grollen, das fast immer in einer Art Husten endet. Vor allem die tiefen Frequenzen machen Eindruck. Man spürt sie mehr, als dass man sie hört.

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Polentswa

Langsam sehe ich mich satt an den Tieren.

Löwenjunge kriechen sogar spielend unter meinem Auto hindurch. Keine anderen Tiere machen so etwas. Löwen verhalten sich oft, als wären wir schlicht nicht existent.

Die Nacht möchte ich auf der anderen Seite des Flusses in Polentswa verbringen. Dort gibt es gerade einmal drei Campsites.

Schon beim Vorbeifahren sehe ich allerdings diese typischen südafrikanischen Komfort-Trailer auf allen Plätzen stehen.

Also fahre ich weiter zur Lodge.

Die liegt spektakulär oberhalb der gleichnamigen Pfanne auf einer alten Flussbank. Alles aus Zeltmaterial gebaut. Der letzte Sturm hat allerdings deutliche Spuren hinterlassen. Das Hauptzelt ist beschädigt, einige Zelthäuser sind eingerissen.

Eigentlich wurden alle Buchungen abgesagt. Das Stammpersonal ist aber noch vor Ort.

Da ich nicht campen darf, sie mich aber trotzdem gern als einzigen Gast aufnehmen möchten, bekomme ich eines der besser erhaltenen Zelte angeboten.

Es beginnt direkt mit High Tea. Dinner, Frühstück und Lunchpaket für den nächsten Tag inklusive.

Achtzig Euro.

Ich bleibe.

Und ziemlich schnell wird klar, dass das eine dieser Nächte werden könnte, die man nicht mehr vergisst.

Bevor die Lodge gebaut wurde, haben hier oben die Löwen nach ihren Rissen gelegen und in die Pfanne geschaut.

Heute Abend sitzen sie etwa hundertfünfzig Meter entfernt unter einer Akazie und zerlegen gerade die letzten Reste eines Gnus.

Ich bekomme Springbock zum Dinner. Für Löwen meistens zu klein. Für Menschen ziemlich lecker.

Später werde ich mit dem Scheinwerfer bis zu meinem Zelt begleitet.

Die Zelte haben Dusche und Toilette. Trotzdem bleibt es eben Stoff zwischen Mensch und Wildnis.

Der Wind nimmt über der Pfanne Geschwindigkeit auf und schlägt gegen die Zeltwände. Die Außengeräusche wirken dadurch noch näher.

Ich schlafe unruhig.

Geweckt werde ich schließlich von anderen Geräuschen.

Zuerst denke ich an Springböcke unter dem Zelt. Die Stelzenkonstruktion macht Geräusche. Schritte. Bewegung. Scharren.

Dann fällt mir ein, dass Springböcke gar nicht unter den Aufbau passen.

Ich mache das Licht auf der Veranda an.

Löwen.

Nicht zwei oder drei.

Zwölf.

Im ersten Moment fühlt es sich an wie beim ersten Gleitschirmflug. Man fragt sich automatisch: Halten die Leinen wirklich? Reicht das Material tatsächlich aus?

Mit zwölf Löwen ums Zelt braucht niemand Kreislaufsport. Der Puls geht von allein auf hundertachtzig.

Nach ungefähr einer Stunde werde ich ruhiger.

Sie hatten schließlich gerade erst gefressen.

Die Kamera liegt draußen im Auto. Ich komme nicht einmal auf die Idee, eine Hand aus dem Zelt zu strecken.

Irgendwann schlafe ich tatsächlich ein.

Vielleicht hat mein Schnarchen die Löwen vertrieben. Jedenfalls sind sie morgens verschwunden.

Rund ums Zelt überall Fußabdrücke im Sand und diese erstaunlich neutral riechende Löwenscheiße.

Beim Frühstück sitze ich lange schweigend da.

Oben eine entspannte Löwenfamilie mit spielenden Jungen. Weiter unten der Kadaver eines Gnus.

That is nature. Wieder einmal.

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Ich fahre weiter nach Norden und sehe die Landschaft wiederum mit leicht verändertem Blick.

Buschland und Baumsavanne wechseln sich ab. Die Strecke bleibt einspurig, der Untergrund verändert sich ständig. Manchmal fahre ich einfach quer über namenlose Salzpfannen. Allrad brauche ich hier kaum.

Antilopen tauchen auf und verschwinden sofort wieder im Dickicht.

Einmal lasse ich eine Reitergruppe passieren. Ich gebe ihnen etwas von meinem Wasservorrat ab.

Screenshot

Es ist eine Anti-Poaching-Einheit.

Wir reden kurz über diese Sisyphusarbeit. Aber sie lieben ihren Job.

Nach mehreren Stunden taucht wieder Zivilisation auf. Ein kleiner Ort, der hauptsächlich von Salzgewinnung lebt.

Noch eine Zwischenübernachtung.

Dann zurück nach Ghanzi.

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Donovan – Teil 2

Die Ersatzteile sind angekommen.

Natürlich hat der neue Light-Level-Sensor die falsche Größe und muss noch einmal neu bestellt werden. In Gabs.

Donovans Internetverbindung dagegen ist beeindruckend schnell. Alles in seiner abgelegenen Werkstatt läuft über Starlink.

Sein achtzehnjähriger Sohn erklärt mir das System.

Keine zehn Minuten später ist auch für mich ein Starlink Mini bestellt. Die Netzabdeckung mit lokalen SIM-Karten ist schlicht katastrophal.

Was soll ich sagen?

Donovan und ich werden Freunde.

Wie selbstverständlich dichtet er porös gewordene Gummilippen neu ab, schweißt einen passenden Aufsatz für den Durchlauferhitzer und baut nebenbei noch eine Halterung für die Satellitenschüssel.

Er bringt mich abends zur Lodge und kommt später selbst noch auf ein Bier vorbei.

Langsam habe ich das Gefühl, dass Auto und Ausrüstung anfangen, wirklich zusammenzupassen.

Jetzt bin ich bereit für die Central Kalahari.

Kommentare

2 Kommentare zu „04 – Botsuanas Westen“

  1. Avatar von Klaus Kiefer
    Klaus Kiefer

    Lieber Florian,
    deine Story liest sich wie ein Krimi. Danke für die tollen Bilder. Du bist echt ein richtiger Abenteurer.
    Hoffentlich geht alles gut!
    Herzliche Grüße auch von Marianne

  2. Avatar von Isa
    Isa

    Lieber Florian, sehr beeindruckend, vielen Dank, daß Du deine Erlebnisse teilst. denke gerade wie klein meine Freiburger Welt ist und deine Reise Suchtpotenzial hat.weiter alles gute! LG Isabelle!

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