02 – Warmlaufen

An einem Camper gibt es immer etwas zu ändern. Eine Kleinigkeit, die noch besser sitzen könnte. Eine Schraube, die anders sitzen müsste. Eine Entscheidung, die sich erst auf der Straße als richtig oder Schnapsidee zeigt.

Zuletzt hatten wir Blattfedern für 500 Kilo eingebaut. Sie liegen stramm, fast störrisch, plan unter dem Fahrwerk. Die stärkeren für 800 kg  warten in Windhoek, nach dem ersten Rundlauf durch Namibia. Für jetzt genügt das. Zeit, das Auto auf die Straße zu setzen. 

Die erste Strecke war Teerstraße. Ein sauberer Test. Höhere Geschwindigkeiten, Seitenwind, mögliche Schwammigkeit — alles ok.

Teerstrasse
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Ich bin auf der Suche nach Orten, die ich bisher ausgelassen habe. Erstaunlicherweise war ich noch nie in Lüderitz. Eine Stadt im Sand am Meer, immer wieder verweht und wieder freigelegt. Der Wind geht durch die Straßen, als gehöre ihm der Ort. Das Meer ist rau. Alles wirkt wie aus einer anderen Zeit.

Lüderitz
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Lüderitz

Hier esse ich Austern. 2,50€ auf Eis, Salz und Zitrone. Sie sind absurd gut. Eigentlich nur die Vorspeise zum Burger, aber mehr als das. Vielleicht, weil der Ort selbst eine Vorspeise ist, nie ganz Hauptgericht.

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Es ist zu nett hier. Also fahre ich weiter.

Ich fahre weiter hinunter zum Fish River Canyon. Dort beginnen jene Wege, auf denen sich ein Fahrzeug bewähren muss: schmal, steinig, eingerissen von kleinen Trockenflüssen, unerquicklich genug. Es ist absolute Nebensaison, ein Geschenk. Kein Mensch unterwegs. Die Fish River Lodge war geschlossen, aber man reicht mir trotzdem ein Getränk — eine  beiläufige Freundlichkeit. Wenn ich ablehne oder ausweiche, heisst es meistens “I insist!”

Später wandere ich auf den Rim Trail. Spektakulär. Es gibt Landschaften, die sich fotografieren lassen, und andere, die sich dem entziehen. Diese gehört zur zweiten Art. Das Auge war noch immer das bessere Instrument, das Gehirn der verlässlichere Speicher.

Fish River Rim

Im Camper bewährten sich die Schlafmöglichkeiten ohne Einschränkung. Die Küchenzeile ohnehin. Der Kühlschrank war in Windhoek noch einmal so aufgefüllt worden, als müsse ich unterwegs ein kleines Restaurant betreiben. 

In den nächsten Tagen zog ich durch das Küstenhinterland nach Norden, immer mit Blick auf die mächtigen Dünen gen Westen und östlich, die groben, rauen Berge, gegen jeden Kompromiss entstanden.

Übernacht in einem abgelegenen Tal der Tirasberge. Am  Morgen Suche nach den letzten Wildpferden. Die Konzession gehört einem Südwester. Wir reden eine Weile und folgen der Scleifspur eines Leoparden, der  einen Springbock gerissen hatte.  Die Wildpferde können deswegen nur auf der anderen Seite der Hügel sein, doch zuerst mussten die Rinder geimpft werden. Es gibt einige Fälle von Lumpy-Skin-Disease. Nicht schön für das Vieh, aber für Menschen ungefährlich. Ein Aussage wie so vieles hier.

Schleifspur

lumpy-skin-disease

Die Reise geht weiter. Die Gravelpiste wird sandiger. Hin und wieder tauchen seitlich Oryx und Springböcke auf, begleiteten das Fahrzeug mit jener höflichen Distanz, die Wildtiere besser beherrschen als wir. Die Landschaft wechselt so scharf, dass ich denke, das Auto spürt es zuerst – mal rumpelnd, mal gleitend es über Wege, die kaum noch existieren. 

Am Namib Rand, N/a’an ku sê „in Gottes Hand“ perfekter Platz. Unendliche Weite, Sonnenuntergang mit Mineralstaub, der nachglüht. Farben bleiben. Verändern sich. Verschwinden langsam.

Kanaan

Am nächsten Morgen lecker Spiegelei, turned over. Dann doch nach Sossusvlei, da fast keine Touristen. Abends allein im Deadvlei. Renne Dünen rauf, runter – purer Spaß. Farbenspiel wechselt mit der Sonne, selbst bei meiner Farbensehschwäche atemberaubend. Gleitschirm? Verboten. Aber am Meer warten andere Möglichkeiten.

Sossusvlei
Deadvlei
Moonwalk

Die Fahrt geht weiter in die Naukluft. Irgendwo am Wendekreis des Steinbocks steht ein riesiger Fels im Nichts. Mein Sternzeichen und kein Zufall.  Hirabeb wir kennen uns. Von hier rieselt der Sand bis ans Meer, 150km.

Die Nacht ist intensiv. Kein Geräusch. Kein Rascheln. Nur der Wind. Das Dachzelt bewegt sich leicht. Später wird es kalt, wie es in der Wüste eben kalt wird. Ich hatte mir eine Decke gekauft und lege den Schlafsack darüber. Inzwischen schlief ich wieder länger als sieben Stunden, manchmal acht. Ich glaube, das war mir seit dreißig Jahren nicht mehr passiert.

Am nächsten Tag geht es über die üblichen Wellblechpisten Richtung Walvis Bay. Nach tausend Kilometern Offroad erreiche ich  wieder Teerstraße. Es fühlt sich komisch an.

In Walvis treffe ich Brave. Bushlore hatte ihm schwächere Hubfedern geschickt. Wir tauschten sie an der Hecktür der Kabine aus. Zuvor hatten wir stärkere eingebaut, weil an der Tür Sandbleche montiert waren und sie nach oben öffnete. Nun aber ließ sie sich von innen kaum noch schließen; die Federkraft arbeitete gegen jeden vernünftigen Bewegungsablauf. Ein gutes Beispiel dafür, dass zwei richtige Lösungen zusammen noch lange kein richtiges Ergebnis ergeben.

Brave ist für Bushlore an der Küste der Mann für alles. Wenn ein Reifen platzt oder ein Wagen festsitzt, kümmert er sich darum. Wir kamen ins Gespräch. Ich lud ihn in der Mall zum Lunch ein, und dabei erzählte er von seinem zweiten Standbein: einer Schule, in der Caretaker und Front-Office-Assistents für Praxen und Apotheken ausgebildet wurden. Seine Idee ist schlicht und deshalb groß: die Ausbildung bezahlbar zu machen. Schon kleine Beträge waren für einen großen Teil der Bevölkerung eine Hürde von nahezu unüberwindlicher Höhe. Zugang zu Bildung ohne Geld war kaum möglich. Der Staat half beim Bewerben, nicht bei den laufenden Kosten. Diese trägt am Enden jeder selbst.

## Tankstellen-Anekdote: Die Absurdität des Geldes

Beim Tanken wurde ich von einer Hilfskraft angesprochen – ob ich ausländisches Geld gegen Namibische Dollar (N$) eintauschen könnte. Es handelte sich um polnische Zloty; ich erklärte ihm lachend, damit könne er nur noch den Hintern abputzen. Dann hatte er eine Euro-Münze zum Tausch.

Auf der Bank erledigen, meinte ich. Doch er hatte keinen Ausweis – der sei zu teuer, und das Geld brauche er dringend für Essen und Familie. Für kleinere Bankgeschäfte wie Umtausch ist eine ID notwendig.

Namibia hat seit 2025 einen nationalen Mindestlohn von 18 N$/Stunde (ca. 0,90 €) eingeführt, für Aushilfen oder Farmarbeiter derzeit sogar nur 14–15 N$/Stunde (ca. 0,70 €). Bei 8 Stunden/Tag sind das magere 112 N$ (5,60 €) – kaum genug für Basics wie Brot (ca. 14 N$/Laib) oder Wasser (15 N$/Liter).

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Da ich die nächsten Tage in Swakopmund bei Rüdiger sein würde und Brave mich auf sein Projekt neugierig gemacht hatte, verabreden wir, uns die Schule die nächsten Tage gemeinsam anzusehen.

Rüdiger war am Wochenende noch auf der Farm als ich am Samstag ankam. Ein Schlüssel war hinterlegt. Ich stelle das Auto in den Hof und übernachte zum ersten Mal seit der Abreise wieder in einem Bett.

Am nächsten Tag hole ich meinen kleinen Gleitschirm hervor und tobe mich an den Dünen aus. Es ist die sanfteste Art des Fliegens, ein Spiel im Wind, barfuß, ohne Safty. Die Stunden vergingen buchstäblich in der Luft.

Am Abend mit Rüdiger und Gisela stundenlang in der Küche. Wir reden über Gott und die Welt, obwohl es meist um viel Konkreteres geht. Lachen viel.

Und mehr als ein Bier.

Swakop

Rüdiger u. Giesela

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